Fachzeitschrift

Wieviel Flüssigkeit braucht ein Frühgeborenes? Kollaborative Forschung in der Schweizer Neonatologie am Beispiel der RELIEF-Studie

Neonatologie

Die gemeinsame Erforschung klinisch relevanter Fragestellungen blickt in der schweizerischen Neonatologie auf eine langjährige Tradition zurück. Bereits Mitte der 90er Jahre bildete sich unter der Leitung von Hans Ulrich Bucher, dem langjährigen Präsidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie, ein landesweites Netzwerk aus Neugeborenen-Intensivstationen mit dem Ziel, über regelmässige Datenerhebungen und deren Beforschung die Versorgungsqualität von Frühgeborenen in der Schweiz zu verbessern(1). Aus dieser Initiative entwickelte sich die Swiss Neonatal Network & Follow-up Group (SwissNeoNet). Sie wird von den teilnehmenden Kliniken getragen, ist mit der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie assoziiert und ermittelt seit dem Jahr 2000 über das sogenannte Minimal Neonatal Data Set kontinuierlich die Ergebnisqualität der Versorgung von Frühgeborenen der Reife 22 0/7 bis 31 6/7 Schwangerschaftswochen in der Schweiz(2-12). Mittlerweile ist die Teilnahme an diesem Register im Rahmen der interkantonalen Vereinbarung über die hochspezialisierte Medizin für die Leistungserbringer obligatorisch.

Nach zahlreichen populationsbasierten Kohortenstudien aus dem Register und einigen individuell randomisierten Studien entstand im SwissNeoNet die Idee, die Infrastruktur des SwissNeoNet-Registers mit einer pragmatischen randomisierten Studie zu verknüpfen. Ziel war, schneller als in klassischen randomisierten Studien und mit vertretbarem finanziellem Aufwand eine praxisrelevante Forschungsfrage zu beantworten. Ergebnis dieser Überlegungen ist die RELIEF-Studie (Restricted versus liberal fluid intake for prevention of bronchopulmonary dysplasia).

Die RELIEF-Studie untersucht die fundamentale Frage, ob die tägliche Flüssigkeitsmenge, die ein Frühgeborenes bekommt, eine Auswirkung auf die Bronchopulmonale Dysplasie und die Sterblichkeit hat. Zusätzlich werden typische Komplikationen der Frühgeburtlichkeit, sowie Wachstum, respiratorische Langzeitfolgen und neurologische Entwicklung der Kinder beleuchtet. Das Besondere an dieser cluster-randomisierten cross-over Studie ist der Vergleich zweier Flüssigkeitsstrategien, die beide innerhalb der klinischen Routine liegen und den internationalen Leitlinien zur Flüssigkeitszufuhr bei Frühgeborenen entsprechen(13). Die SwissNeoNet Zentren wechseln sowohl für studienteilnehmende als auch für nicht-teilnehmende Frühgeborene innert 30 Monaten halbjährlich zwischen einer restriktiven (130 – 140 ml/kg/d) und einer liberalen (160 – 170 ml/kg/d) Flüssigkeitsstrategie. Die Vorgaben für Nährstoffzufuhr sind jeweils identisch. Da beide Strategien dem klinischen Standard entsprechen und Studienteilnehmende nicht anders behandelt werden als Nicht-Teilnehmende, kann die Studie effizient auf Grundlage des allgemeinen Forschungskonsents durchgeführt werden, was eine schnelle Rekrutierung und zeitige Umsetzung der Studie ermöglicht. Fünf Monate nach Studienstart am 01.07.2025 waren bereits über 100 Frühgeborene registriert. Insgesamt sollen in 30 Monaten 750 Frühgeborene am Forschungsprojekt teilnehmen. Die Studie soll Ende 2029 abgeschlossen werden. Die RELIEF-Studie wird in allen neun Intensivstationen in der Schweiz durchgeführt, die auf die Versorgung von sehr unreifen Frühgeborenen spezialisiert sind (Aarau, Basel, Bern, Chur, Genf, Lausanne, Luzern, St. Gallen und Zürich).

Das Forschungsprojekt wird unter der Leitung von Sven Schulzke am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) koordiniert und in Kollaboration mit SwissNeoNet durchgeführt. Die Studie wird durch das Pädiatrische Forschungszentrum am UKBB und das Department für Klinische Forschung der Universität Basel unterstützt.

Eltern von Frühgeborenen sind aktiv in die Studienplanung, Durchführung und Verbreitung der Ergebnisse eingebunden. Vertreter der Elternvereinigungen Frühchen & Neokinder Schweiz sowie Né Trop Tôt waren schon im Konzeptstadium am Projekt beteiligt, haben familienrelevante Endpunkte formuliert und nehmen an offiziellen Gremien der Studie teil.

Die RELIEF-Studie wird vollumfänglich vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Weiterführende Informationen finden sich auf der Internetseite von RELIEF.

Die RELIEF-Studie ist ein hervorragendes Beispiel patientenorientierter Forschung im SwissNeoNet und ist nur möglich, weil alle teilnehmenden Zentren ein extrem hohes Engagement zeigen und sich höchst zuverlässig an Studien und Register beteiligen.

SwissNeoNet bildet eine einzigartige Plattform, die breit angelegte, koordinierte Aktivitäten in der klinischen Qualitätssicherung sowie in der Forschung ermöglicht und damit strukturierte Zusammenarbeit, hohe methodische Qualität und nachhaltige Wirkung fördert.

Abbildung 1. Grafische Darstellung des cluster-randomisierten cross-over Designs der RELIEF-Studie.

Referenzen

  1. Bucher HU, Fawer CL, von Kaenel J, Kind C, Moessinger A. [Intrauterine and postnatal transfer of high risk newborn infants. Swiss Society of Neonatology]. Schweiz Med Wochenschr 1998; 128, 1646-1653.
  2. Bucher HU, Ochsner Y, Fauchére JC, Swiss NN. Two years outcome of very pre-term and very low birthweight infants in Switzerland. Swiss Med Wkly 2003; 133, 93-99.
  3. Hentschel J, Berger TM, Tschopp A et al. Population-based study of bronchopulmonary dysplasia in very low birth weight infants in Switzerland. Eur J Pediatr 2005; 164, 292-297.
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  12. Gerull R, Sanchez C, Atkinson A et al. Population-Based Cohort Study for Development of National Retinopathy of Prematurity Screening Criteria. Acta Paediatr 2025;
  13. Embleton ND, Jennifer Moltu S, Lapillonne A et al. Enteral Nutrition in Preterm Infants (2022): A Position Paper From the ESPGHAN Committee on Nutrition and Invited Experts. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2023; 76, 248-268.

Weitere Informationen

Korrespondenz

Autor:innen

  • Prof. Dr. med. Sven Schulzke
    Chefarzt Neonatologie, Stv Ärztlicher Direktor, Leiter Forschung, Universitäts-Kinderspital beider Basel UKBB
  • Prof. Dr. med. Dirk Bassler
    Klinikdirektor, Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich
  • Prof. Dr med. Eric Giannoni
    Médecin adjoint, service Néonatologie, DFME, CHUV, Lausanne
  • Prof. Dr. med. André Kidszun
    Abteilungsleiter Neonatologie, Inselspital, Universitätsspital Bern Kinderklinik
  • Prof. Dr. med. Giancarlo Natalucci
    Family Larsson-Rosenquist Foundation Center for Neurodevelopment, Growth, and Nutrition of the Newborn and Newborn Research Zurich, Zurich, Switzerland