Vom Inhalt zur Auswirkung: Organisatorische und pädagogische Triebkräfte des start4neo-Programms
Einführung
Nachdem verschiedene ausländische Fachgesellschaften in den vergangenen Jahren Empfehlungen zur Reanimation von Neugeborenen erarbeitet haben, wurden diese im Jahr 2000 auch in der Schweiz durch eine Arbeitsgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie (SGN) angepasst, und seitdem regelmässig revidiert. Diese Empfehlungen sind den Infrastrukturen und der Organisation der schweizerischen Geburtskliniken angepasst und betreffen hauptsächlich die Betreuung von Neugeborenen über 34 SSW. Die Feststellung, dass die Empfehlungen und Algorithmen ungenügend eingehalten werden, wenn sie nicht von einem praxisbezogenen Erlernen begleitet sind, hat auf Wunsch der SNG 2012 zur Schaffung des start4neo Basic Skills Course (BSC) geführt(1). Dies hat es ermöglicht, ein «nationales Skills Trainingsprogramm» in der Neonatologie einzuführen, mit dem Ziel, allen in Geburtshilfe und Betreuung Neugeborener involvierten Berufsgruppen, in allen Sprachregionen und idealerweise am Arbeitsort, die praktische Anwendung der aktuellen Empfehlungen der SGN «Care and resuscitation of the newborn»(2) durch gezieltes Training zugänglich zu machen. Crittin Gaignat et al. haben 2018 in der Paediatrica erstmals über die Entwicklung und Umsetzung dieses Kurses berichtet(3). Die 2011 durchgeführte Bedürfnisanalyse hat folgende vier Punkte als wichtigste Forderungen für das Ausbildungsprogramm herausgearbeitet:
- Inhaltlicher Fokus auf die am häufigsten benötigten Fertigkeiten
- Ausbildung in kleinen interprofessionellen Gruppen, vorzugsweise in einer vertrauten Arbeitskonstellation und -Umgebung
- Genügend Zeit für praktisches Training der Fertigkeiten mit Feedback-Technik
- Erlangen eines anerkannten Zertifikates.
Dieser Beitrag erläutert, wie diese grundlegenden Bedingungen langfristig integriert wurden und wie das didaktische Konzept der Kurse entsprechend ausgearbeitet wurde.
Inhaltlicher Fokus auf die am häufigsten benötigten Fertigkeiten
Gemäss den Statistiken des Bundesamtes für Gesundheit verzeichnet die Schweiz jährlich etwa 80 000 Lebendgeburten, wovon ca. 93% Termingeburten sind(4). 85 von 100 Neugeborenen beginnen spontan zu atmen, etwa 10 benötigen unterstützende Massnahmen wie Stimulierung, Positionierung oder Aspiration von Mund und Nase, um die Luftwege zu öffnen oder offen zu halten. Fünf von 100 Kinder benötigen eine temporäre, nicht invasive Beatmung. Intubation, Thoraxkompression und Adrenalingabe sind nur sehr selten notwendige Eingriffe(2). Regelmässiges exponiert sein und damit genügend praktische Erfahrung fehlen oft. Eine geübte und adäquate Anwendung dieser Massnahmen ist für den Erfolg und damit die Gesundheit des Neugeborenen aber entscheidend. Das Programm start4neo gibt deshalb dem Erlernen der wichtigsten grundlegenden Massnahmen durch eine möglichst grosse Anzahl Personen den Vorrang. Jedes Jahr werden etwa 3200 Teilnehmer:innen im Rahmen der start4neo Basic Skills Courses ausgebildet, dies für eine Geburtenzahl von 80 000. Der Vergleich mit Grossbritannien, wo jährlich für eine Geburtenzahl von 600 000, nur etwa 6000 Teilnehmer im Rahmen des Programmes Newborn Life Support (NLS) ausgebildet werden, bestätigt die Stichhaltigkeit dieses Ansatzes(5).
Mit dem Ansatz, einer grossen Teilnehmerzahl das häufig Vorkommende zu lehren, rückt der Akzent zunehmend auf adäquate Vorbereitungsmassnahmen, das rechtzeitige Anfordern von Hilfe, die Unterstützung der physiologischen Adaptation, die Thermoregulation sowie das Offenhalten der Atemwege und die Beatmung. Diese Ausrichtung widerspiegelt sich in den didaktischen Unterlagen der start4neo Kurse (Kursskript auf den schweizerischen Empfehlungen beruhend, Algorithmus und Poster des Kursmodule). Der Algorithmus der Richtlinien der SGN wurden überarbeitet und zum «didaktischen start4neo Algorithmus», der Inhalt an die neuesten SGN-Richtlinien angepasst. Die Struktur REA-T-ABCD wird in dieser didaktischen Version des Algorithmus visuell dargestellt.
Da einerseits die Antizipation zunehmend an Bedeutung gewinnt, wurde das Akronym REA angepasst, um die Risikofaktoren, die Vorbereitung des Teams (Equipe) und die Antizipation und Anforderung von Hilfe zu bezeichnen. Die den Buchstaben A (Airways) und B (Breathing) entsprechenden Massnahmen nehmen im Algorithmus den grössten Platz ein, was visuell deren Bedeutung bei der Stabilisierung und Reanimation des Neugeborenen unterstreicht. Zudem wurde in den Richtlinien der SGN sowie in den start4neo-Unterlagen die Vorgehensweise bei persistierender Bradykardie <100/min vereinfacht, basierend auf Kommentaren von Teilnehmer:innen und Beiträgen von Ausbildner:innen, nach der Devise «keep it safe and simple».
Andererseits zeigt sich, dass der Fokus auf die am häufigsten erforderlichen Kompetenzen gelegt wird, auch in der Entwicklung neuer Kursformate. So hat die zunehmende Benutzung des «T-Stück-Systems» für die Maskenbeatmung, die Einführung des Kursformates Basic Skill Course Plus (BSC+) veranlasst. In einem zum BSC ergänzenden Modul wird im Rahmen praktischer Übungen auf Lernziele wie Vorbereitung und Kontrolle, korrekte Verwendung, mögliche Vorteile und Gefahren eingegangen. Der in der Publikation von Crittin et al. 2018 erwähnte «Expert Course» ist, nach einer langen Entwicklungs- und Pilotphase, derzeit unter dem Namen start4neo Extended Course (EC) in der Umsetzungsphase, mit dem Ziel, spezialisierte Fachkräfte auszubilden, die an Reanimationsmassnahmen mit komplexen Aufgaben beteiligt sind oder, auch wenn nur gelegentlich, leiten. Im Gegensatz zu den Kursformaten BSC und BSC+, die zentralisiert oder dezentralisiert stattfinden können, wird start4neo EC in der Regel in einem Perinatalzentrum durchgeführt. Die pädagogischen Ziele umfassen die Vertiefung der Leadership- und Assistenzkompetenzen, sowie Kompetenzen bei Obstruktion der Luftwege und Spannungspneumothorax, für das notfallmässige Einlegen eines Nabelkatheters oder die notfallmässige Verabreichung von Medikamenten. start4neo EC wird als eintägiger Kurs angeboten. Der Ausbau der verschiedenen Kursformate im Verlaufe der letzten Jahre ist in der Abbildung 1 dargestellt. Da zahlreiche Geburten (>3000/Jahr in der Schweiz), geplant oder nicht, ausserhalb eines Spitals stattfinden, wurde durch Hebammen, unterstützt durch den Schweizerischen Hebammenverband SHV, und auch durch Sanitäter:innen der Wunsch nach einem an diese Bedingungen angepassten Kursformat geäussert. Obwohl die pädagogischen Ziele des Basiskurses dieselben sind, werden in diesem Kursformat die besonderen Umstände, das verfügbare Material sowie die unterschiedliche Zusammensetzung des Teams und Rettungsketten berücksichtigt. Ein spezifischer und standardisierter Kurs zur Erwerbung der Fertigkeiten zur Stabilisierung und Reanimation Neugeborener in ausserklinischem Kontext ist derzeit unter dem Namen star4neo Out-Of-Hospital (OHC) in Bearbeitung. Es ist vorgesehen, dieses Kursformat im Verlauf der nächsten zwei Jahre schweizweit anbieten zu können. Abbildung 2 zeigt eine schematische Darstellung des Konzepts des start4neo-Kurses.


Ausbildung in kleinen interprofessionellen Gruppen, vorzugsweise in einer vertrauten Arbeitskonstellation und -Umgebung
Es wird für jede Geburt empfohlen, dass mindestens eine in der Unterstützung der neonatalen Adaptation kompetente Fachperson spezifisch für die unmittelbare Betreuung des Neugeborenen verantwortlich ist, mit der Möglichkeit, wenn nötig, rasch Hilfe für eine ausgedehntere Reanimation zu bekommen(2). Für die Organisation der neonatalen Reanimation ist die Leitung der Geburtshilfe zuständig und wird meist der Pädiatrie/Neonatologie übertragen(2). Die Geburtskliniken und Geburtshäuser in der Schweiz zeichnen sich durch spezifische Leistungsaufträge, variable Geburtenzahlen und heterogene lokale Infrastrukturen aus.
Diese Faktoren bestimmen die Zusammensetzung der Teams, die für die Betreuung von Neugeborenen zuständig sind. Diese Teams sind meist interprofessionell und interdisziplinär zusammengesetzt: Hebammen, Kinderärzt:innen und Neonatolog:innen, Pflegefachpersonen, Anästhesist:innen sowie Personen in medizinischer Ausbildung. Bei einer Reanimation ausserhalb der Klinik können auch Sanitäter und Notfallärzt:innen involviert sein. Deshalb wurde die Gesamtheit dieser Fachpersonen als Zielpublikum der start4neo Kurse definiert, um die Zusammenarbeit in der alltäglichen neonatalen Reanimation widerzugeben, und den interprofessionellen Ansatz in der Ausbildung zu fördern.
Die realitätsbezogene Ausbildung besteht vor allem in der Verwendung desselben Materials während des Kurses, wie das im Geburtsraum verfügbare. Die Dezentralisierung der Kurse ermöglicht es auch, zahlreiche Ausbildungen in Räumlichkeiten durchzuführen, in welchem die Fachkräfte arbeiten.
Die Gruppengröße in einem Kurs entspricht der Realität am Reanimations-Tisch für Neugeborene mit maximal 6 Teilnehmer:innen aus verschiedenen Berufsgruppen pro Ausbildner:in.
Worin besteht eine interprofessionelle Ausbildung?
Die interprofessionelle Ausbildung ist ein pädagogischer Ansatz in welchem verschiedene Berufsgruppen miteinander, voneinander und übereinander lernen, um die Zusammenarbeit und damit die Qualität der Pflege zu verbessern(6-8). Anders gesagt, geht es darum «zusammen zu lernen um zusammen zu arbeiten»(5). Dieser Ansatz bereitet die Gesundheitsfachkräfte auf ein koordiniertes und wirksames Zusammenarbeiten vor, anstatt nebeneinander Aufgaben auszuführen, die jeder Berufsgruppe spezifisch sind. Das Ziel ist, kollaborative in die Praxis umsetzbare Kompetenzen zu erwerben, die in Ausbildungsbedingungen geübt werden, wie sie bei einer neonatalen Reanimation angetroffen werden, und der klinischen Praxis so nahe wie möglich kommen.
Um die Kohärenz zwischen den Lernzielen der interprofessionellen Kurse und der Struktur der Kurse zu garantieren, kommen die start4neo Ausbildner:innen aus denselben Berufen wie das Zielpublikum. Diese professionelle Nähe verstärkt die pädagogische Legitimität und unterstützt die interprofessionelle Ausbildung durch das role modelling(9).
Entsprechend den Empfehlungen für Reanimationskurse(10) integriert start4neo in die Schulung nicht technischer Kompetenzen die wichtigsten Pfeiler der interprofessionellen Ausbildung: Teamarbeit, klar definierte Rollen, Kommunikation, partnerschaftliche Leadership und gemeinsame Entscheidungsfindung, gegenseitiger Respekt und kollektive Ausbildung. Diese Elemente bilden die Basis einer wirksamen, respektvollen und auf die Sicherheit der Patient:innen ausgerichteten interprofessionellen Zusammenarbeit.
Die Formate der Kurse BSC und OHC beschränken sich absichtlich auf eine begrenzte Anzahl Skills, hauptsächlich auf die Organisation des Teams, klar umrissene Aufgabenverteilung, Antizipation und strukturierte Kommunikation, zum Beispiel Closed-Loop Kommunikation. Die EC-Kurse vertiefen diese Grundsätze, indem der Akzent auf die Prinzipien des «Crisis Resource Management» (CRM) gelegt wird(11,12). Es geht dabei nicht mehr nur darum, einzelne Fähigkeiten anzuwenden, sondern Mechanismen des Krisenmanagements zu verstehen. Die Ausbildung betrifft das Situationsbewusstsein als eine Kompetenz, die es ermöglicht, zu antizipieren, Risiken zu erkennen und die Betreuungsstrategie in Echtzeit anzupassen; eine durch dynamische Aufgabenverteilung strukturierte Teamarbeit, die auf geteilter, auf Kompetenzen statt auf beruflichem Status beruhender Leadership basiert, sowie die Fähigkeit des Teams, durch den kontinuierlichen Austausch wesentlicher Informationen aktive Followership auszuüben. Die Kommunikation wird als sicherer Prozess mit kollektiver Verantwortung angegangen, was eine strukturierte Entscheidungsfindung während einer Reanimation ermöglicht.
Realität der interprofessionellen start4neo Ausbildung
Abbildung 3 zeigt die Aufteilung der Teilnehmenden nach Berufsgruppen für die Kursformate 2020-2025. Diese Daten bestätigen die Weiterführung der interprofessionellen Beteiligung und dass die Zielgruppen durch das Basisformat (BSC und BSC+) erreicht werden. Die Interdisziplinarität kommt in der Abbildung nicht explizit zum Ausdruck, doch zeigen unsere Statistiken, dass die Ärzt:innen aus allen an der initialen Betreuung der Neugeborenen beteiligten Fachrichtungen stammen, insbesondere Pädiatrie aber auch Geburtshilfe und Anästhesie.
Die Dezentralisierung der Kurse in den verschiedenen neonatologischen Netzwerken, insbesondere durch Kurse in den drei Landessprachen, führt auch medizinische Fachkräfte aus verschiedenen Zentren zusammen und begünstigt damit eine gemeinsame Kultur und gemeinsame Fachsprache innerhalb des perinatalen Netzwerkes.
Die tägliche Organisation der Arbeit bildet sich nicht nur in der Zusammensetzung der Teams ab, sondern auch im materiellen Umfeld. Die Umsetzung der Kurse im lokalen Team und in seinem gewohnten Tätigkeitsfeld verstärkt die Authentizität der praktischen Situationen, und damit die pädagogische Wirkung. Das Prinzip einer zentralen Organisation mit dezentralisierter Umsetzung konnte somit für die Kurse BSC und BSC+ beibehalten werden.

Schulung unter Peers
Während des gesamten Kurses werden die Teilnehmenden eingeladen, Beobachtungen zu formulieren und Feed-backs auszutauschen. Dieser Ansatz beruht auf den Theorien des sozialen Lernens(12) und des «situated Learning»(13), die besagen, dass die Beobachtung und die Analyse der Fertigkeiten von Peers die Aneignung professioneller Normen und prozeduralen Denkens fördern. Es ist eine Methode, die das aktive Engagement der Teilnehmer:innen begünstigt: Ob eine Fertigkeit geübt oder beobachtet wird, ermöglicht es, die Kriterien der Wirksamkeit der Fertigkeit zu erkennen. Indirekt werden damit nicht-technische Kompetenzen geübt, und insbesondere die Fähigkeit im Team ein wahrgenommenes Risiko oder ein festgestelltes Problem auszudrücken, unabhängig von der beruflichen Funktion, der Hierarchie oder der Aufgabenverteilung. Im Vergleich zum ausschliesslich «belehrenden» Ansatz erlaubt es eine gewisse psychologische Sicherheit, indem es die Asymmetrie zwischen Lernenden und Ausbildner:in verringert, die Furcht vor Kritik mindert und mehrere Feed-back-Quellen ermöglicht. Auf diese Weise verbessert man das Behalten von Kompetenzen ebenso wie die Fähigkeit, das Gelernte in die Tat umzusetzen.
Genügend Zeit für praktisches Training der Fertigkeiten mit Feedback-Technik

Letztlich ist es das Ziel dieser Kurse, technische und nicht technische Kompetenzen zu entwickeln, die in reale klinische Situationen übertragen werden können und an den Kontext sowie die persönliche Erfahrung jedes einzelnen Lernenden angepasst sind – und nicht die Validierung von Kompetenzen auf der Grundlage eines im Voraus festgelegten Rasters. Die pädagogische Architektur der start4neo Reanimationskurse ruhen auf einer strukturierten und absichtlichen Sequenz, so wie auch die Kurse vom Typ basic life support (BLS, American Heart Association) oder Newborn Life Support (NLS, Resuscitation Council UK).
Vorbereitung
Dem start4neo-Kurs geht zwangsläufig eine Vorbereitung voraus. Diese besteht in der Aneignung der schweizerischen Empfehlungen für die neonatale Reanimation anhand eines strukturierten Skripts sowie in einer obligatorischen formativen Online-Evaluation (Multiple-Choice-Fragebogen, MC). Die Lehrmittel werden fortlaufend durch kurze didaktische Videos ergänzt, welche die einzelnen Etappen und Techniken der Reanimation veranschaulichen. Die Darstellung der praktischen Fertigkeiten erlaubt eine bessere Konzeptualisierung der verschiedenen Etappen, und ein schnelleres Übertragen der erworbenen Kenntnisse in die Praxis. Dieser «umgedrehter Unterricht» genannte Ansatz ermöglicht es, eine optimale Zeit für die Praxis freizustellen, stärkt das Vertrauen der Lernenden in ihre Fähigkeiten(8), und fördert ein stärkeres Engagement der Teilnehmenden und das Lernen auf einem höheren kognitiven Niveau, insbesondere bei der Evaluierung kritischer Situationen(9).
Einführung
Der Präsenzunterricht beginnt mit einer Begrüssungsrunde, deren Ziel es ist, das Gespräch unter den Teilnehmenden sowie den Austausch persönlicher Lernziele zu fördern. Die Einführung bietet auch Gelegenheit, sich aus der Vorbereitung ergebende theoretische Fragen zu klären: Da die MC-Fragen verfasst wurden, um die Ausbildung auf zentrale Punkte der Empfehlungen für neonatale Reanimation zu lenken, ist es nötig, sich zu vergewissern, dass alle theoretischen Elemente für die Teilnehmer:innen klar sind.
Die pädagogischen Ziele des Kurses werden anschliessend klar dargelegt; sie werden im Laufe der praktischen Module individuell wieder aufgegriffen.
Training Skills
Bei den Basiskursen BSC, wie bei auch den vertiefenden EC-Kursen, geht es in den Kompetenzmodulen um den Algorithmus der neonatalen Reanimation, mit dem Ziel, wesentliche Fertigkeiten zu erlernen. Jedes Modul ermöglicht die Entwicklung praktischer Kompetenzen durch ein geführtes Training, sachkundige Demonstration, in Etappen aufgeteilt, durchgeführt durch eine Ausbildner:in oder geübte Lernende. Der Lernprozess ruht somit auf den Grundlagen der zielgerichteten Übung (deliberate practice)(10), wobei das Training durch klar umrissene Ziele und Leistungskriterien strukturiert ist. Dies ermöglicht wiederholtes und strukturiertes Üben bis zum Erreichen einer minimalen Beherrschung der Fertigkeiten (mastery learning), evaluiert durch beobachtbare Kriterien (z.B. Qualität der kardiopulmonalen Reanimation, Einhalten der Algorithmen, Koordinierung der Handgriffe).
Das Kombinieren klar definierter Lernziele und das strukturierte Wiederholen der Fertigkeiten garantiert, dass alle Teilnehmenden ein genügend hohes Kompetenzniveau erreichen, um eine Reanimation zu beginnen, und erleichtert die Übertragung des Gelernten in die klinische Praxis. Dieser Ansatz unterscheidet sich vom Lernen am Arbeitsplatz in Ist-Situation, indem durch das strukturierte und wiederholte Training eine messbare Optimierung der Leistung erreicht wird.
Simulation
Die praktischen Module führen zu einem Simulationsmodul, ein Pfeiler des start4neo Programmes, das die Teilnehmer:innen in einem sicheren Umfeld realistischen neonatalen Reanimationssituationen gegenüberstellt. In den Formaten BSC und OHC findet die Simulation strukturiert statt, um das schrittweise Aneignen des Algorithmus, der Teamorganisation und des kollektiven Arbeitens zu fördern. Die kurzen und gezielten Szenarien gestatten, durch die Integrierung erworbener praktischer Kompetenzen, die Wiederholung von Schlüsselsituationen, und bieten so ein erfahrungsbasiertes Lernen ohne Risiken für die Patient:innen. Das strukturierte Debriefing nach jeder Übung spielt eine zentrale Rolle: Die simulierte Erfahrung wird dabei durch die Validierung der Fertigkeiten und das Einhalten des Algorithmus zum Lernprozess, und das gemeinsame Nachdenken über die Zusammenarbeit wird zu einer interprofessionellen Erfahrung. Im Rahmen der EC-Kurse wird die Simulation auf einer mehr integrativen Ebene angewendet, mit komplexeren und weniger gezielten Szenarien, um einerseits die Übertragung des Gelernten in reale klinische Situationen zu begünstigen, und andererseits die Fähigkeit der Teilnehmenden zu fördern, ihr Handeln zu analysieren und ihre Strategien anzupassen.
Die Simulation folgt damit einer folgerichtigen pädagogischen Progression vom geführten Lernen zu einer autonomeren und reflektierten Praxis.
Kursabschluss und Wahrung des Erlernten
Beim Kursabschluss kann überprüft werden, ob die persönlichen Ziele erreicht wurden, Lernziele können vertieft und es kann die Fortbildung angesprochen werden. Der Verfall von Fertigkeiten (skill decay) beschreibt den progressiven Verlust, schon wenige Monate nach der anfänglichen Ausbildung, der technischen (Anwendung des Materials, Beatmung, kardiopulmonale Reanimation), kognitiven (Empfehlungen, Algorithmus) und nicht technischen (Teamarbeit, Kommunikation) Fertigkeiten bei fehlender regelmässiger praktischer Anwendung oder gezielter Vertiefung. Es stellt eine grosse Herausforderung für die neonatale Reanimation in der Schweiz dar – insbesondere für kleinere Strukturen wie bestimmte Privatkliniken oder Geburtshäuser –, dass sie einer neonatalen Reanimation, einer seltenen, aber umso kritischeren Situation, nur wenig exponiert sind. Es müssen Strategien für gezielte Refresher und häufige Trainings entwickelt werden, um Kompetenzen auf die Dauer zu erhalten und fördern, durch regelmässige Fortbildungen (regelmässige Überprüfung der Kenntnisse, am Arbeitsort autonom oder in Gruppen repetieren, falls möglich Simulation in situ, Teilnahme alle 2-3 Jahre an start4neo Kursen), wie auch durch gezielte Intensivierung in EC-Kursen.

Erlangen eines anerkannten Zertifikates
Ein anerkanntes Zertifikat mit entsprechenden Kredits wird nach vollständiger Beteiligung an einem start4neo Kurs – vorgängige Vorbereitung mit MC, aktive Beteiligung am Kurs und Durchführen der Post-Evaluation umfassend – erhalten. Zweck der Kurse mit Zertifikat ist es, eine Ausbildung zu garantieren, die die geltenden Empfehlungen respektiert und damit zur Sicherheit der Patient:innen beizutragen. Für die betroffenen Gesundheitsfachkräfte bedeutet das Zertifikat eine formelle und in der ganzen Schweiz gültige Anerkennung. Da die Zertifizierung zeitlich begrenzt ist (2-3 Jahre), berücksichtigt sie das Konzept des Verfalls der Fertigkeiten und ermuntert, an regelmässigen Trainings mit periodischer Rezertifizierung teilzunehmen.
Die Anerkennung der start4neo Kurse als obligatorische Ausbildung zum Erlangen gewisser Weiterbildungstitel, insbesondere in Pädiatrie, unterstreicht die Bedeutung einer spezifischen Ausbildung in neonataler Reanimation. Für andere Fachkräfte, wie freiberuflich tätige Hebammen, wird der Nachweis einer regelmässigen Teilnahme an neonatalen Reanimationskursen gefordert, um einen den Anforderungen der klinischen Praxis entsprechenden Leistungsstand zu wahren.
Die start4neo Kurse werden durch die Fachgesellschaften pädiatrie schweiz, Neonatologie, Gynäkologie-Geburtshilfe, Anästhesie und Notfallmedizin, sowie durch den Schweizerischen Hebammenverband anerkannt.
Rückblick und Ausblick
Im Jahr 2012 hat Frau Dr. med. Crittin Gaignat den start4neo Kurs entwickelt, um den Anforderungen der neonatalen Reanimation in der Schweiz gerecht zu werden. Mit einer kleinen Gruppe gut ausgebildeter Ausbildner:innen hat sie in einem ersten Anlauf eine schweizweite Pilotphase gestartet. Von 2013 bis 2025 hat das start4neo Programm eine progressive, auf einer strukturierten regionalen Einbettung und dem ständigen Ausbau der pädagogischen Inhalte beruhende Entwicklung erlebt. Die erste Phase bestand im Aufbau der BSC-Kurse in den verschiedenen Regionen, sowie der Eingliederung in die Krankenpflege- und Hebammenschulen und in die ärztliche Weiter- und Fortbildung. Parallel dazu wurden spezifische Module entwickelt, insbesondere das Modul für Beatmung mit T-Stück.
Die Entwicklung des Programmes stützte sich auf regelmässige Feed-backs aus der Praxis, durch strukturierte Umfragen bei den Ausbildner:innen-Teams und den Teilnehmer:innen. Die regionalen Verantwortlichen, insbesondere in den Universitätskliniken, haben dabei eine zentrale Rolle gespielt, als beratendes Organ und treibende Kraft in den Arbeitsgruppen. Ihr Einsatz garantierte die stetige Anpassung der pädagogischen Unterlagen an die schweizerischen Empfehlungen für die neonatale Reanimation.
Diese Zusammenarbeit führte mit den Jahren zur Vervollständigung des Basiskurses und zur Schaffung des Moduls BSC+, dann zur Identifizierung neuer Bedürfnisse und zur Entwicklung des Kurses start4neo EC. Parallel dazu wurden ausserhalb von Spitälern tätige Fachkräfte, insbesondere Sanitäter:innen und freiberuflich tätige Hebammen, in die Entwicklung des OHC-Kurses einbezogen.
Dieser Ansatz mit geteilter, auf gemeinsamer Leitung gründender Planung hat sicherlich zur dauerhaften regionalen Einbindung des Programmes beigetragen, mit Feinanpassungen an spezifische lokale Gegebenheiten.
Die Struktur start4neo wünscht als nationales Programm, durch einen wissenschaftlichen und pädagogischen, geteilten Ansatz, alle Fachkräfte des Zielpublikums vermehrt einzubinden. Die Führungsweise wurde in diesem Sinn neu definiert, um organisatorische und pädagogische Schwerpunkte sichtbar zu machen. Es ist insbesondere vorgesehen, dass durch das Zielpublikum aller Kurse bestimmte Vertreter:innen der verschiedenen Berufe und Fachrichtungen aktiv an den Arbeitsgruppen teilnehmen, um die spezifischen praktischen Bedürfnisse besser zu identifizieren und passende Lösungen zu finden. Ziel dieses Ansatzes ist es, die Prinzipien der interprofessionellen Schulung zu festigen, durch Förderung des gemeinsamen Aufbaus der Inhalte und Schulungsmodelle. Das regionale und dezentralisierte Management des Programmes, als Zeichen der Anpassung an den lokalen Kontext, verbleibt ein entscheidender Faktor für die Anerkennung des Programmes. Nicht zuletzt will das Programm eine strenge, hochwertige medizinische Pädagogik wahren, um die Kohärenz, Qualität und Relevanz zukünftiger Entwicklungen zu berücksichtigen.
Referenzen
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Weitere Informationen
Autor:innen
-
Dr med. Mirjam Schuler Barazzoni, MMEMédecin associée, Service de néonatologie, CHUV et Co-Direction start4neo Suisse, Société Suisse de Néonatologie
-
Dr. med. Jehudith FontijnNeonatologin, Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich und Co-Directorin start4neo Schweiz, Schweizerische Gesellschaft für Neonatologie