Fachzeitschrift

Peer Support für Familien in Schweizer Neonatologiestationen

Neonatologie

Abstrakt

Eltern von Neugeborenen, die in einer Neonatologie hospitalisiert sind, erleben eine ausgeprägte psychologische, körperliche und soziale Vulnerabilität. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Angst, Depression und posttraumatische Belastung, was die Eltern-Kind-Bindung sowie das Funktionieren der Familie beeinträchtigen kann. Peer Support hat sich als ein ergänzender Ansatz innerhalb familienintegrierter neonatologischer Versorgung entwickelt. Er basiert auf emotionaler und erfahrungsbasierter Unterstützung durch Eltern, die selbst eine Hospitalisation ihres Neugeborenen auf der Neonatologie erlebt haben.

Dieser Artikel beschreibt die elterliche Vulnerabilität in der Neonatologie, fasst die aktuelle Evidenz zu Peer Support zusammen und stellt den Schweizer Kontext dar, wo sich Peer Support überwiegend durch elterngeführte Initiativen wie Né Trop Tôt (NTT) und Frühchen & Neokinder Schweiz (FNS) entwickelt hat. Strukturierter Peer Support ist derzeit in 15 von 28 neonatologischen Einheiten der Schweiz verfügbar, darunter in 8 von 9 Level‑III‑Zentren; die Umsetzung ist jedoch weiterhin heterogen und institutionell unterschiedlich.

Internationale Studien weisen auf Vorteile wie gesteigertes elterliches Selbstvertrauen, verringerte Isolation und stärkere Einbindung in die Pflege hin. Quantitative Evidenz zum outcome mentaler Gesundheit ist jedoch limitiert. Zentrale Herausforderungen bestehen in fehlenden nationalen Rahmenbedingungen, unsicherer Finanzierung, mangelnder Evaluation und ungleichmässiger Integration in klinische Teams. Für die zukünftige Entwicklung sind koordinierte Strategien in den Bereichen Ausbildung, Finanzierung, Evaluation und Integration erforderlich, um eine gerechte und nachhaltige Versorgung sicherzustellen.

1. Einführung

Etwa jedes zehnte Neugeborene benötigt eine Hospitalisation in der Neonatologie. Für Familien stellt dies ein einschneidendes Lebensereignis dar, verbunden mit erheblichem psychischem Stress. Eltern von frühgeborenen oder kritisch kranken Neugeborenen haben ein erhöhtes Risiko für Angst, depressive Symptome und posttraumatische Belastungsreaktionen – sowohl während der Hospitalisation als auch nach der Entlassung(1-4). Diese Belastungen können das elterliche Wohlbefinden, die frühe Eltern‑Kind‑Beziehung und das langfristige Funktionieren der Familie beeinträchtigen(5).

Neonatologische Teams bieten hochspezialisierte medizinische Versorgung und vielfach Zugang zu psychosozialer Unterstützung durch Psycholog:innen, Psychiater:innen, Sozialarbeitern oder Seelsorge. Die Intensität, Dauer und existenzielle Dimension der neonatologischen Erfahrung können jedoch Bedürfnisse erzeugen, die über das hinausgehen, was professionelle Unterstützung allein abdecken kann. Eltern berichten häufig über Isolation, das Gefühl mangelnder Legitimität in ihrer Elternrolle und Schwierigkeiten, sich aufgrund von Unsicherheit und Angst auf die Zukunft vorzubereiten(6).

Peer Support bietet hier einen ergänzenden Ansatz zur Familien-integrierenden Betreuung. Er umfasst emotionale, informative und erfahrungsbasierte Unterstützung durch Personen, die eine ähnliche Situation erlebt haben. In der Neonatologie sind dies Eltern, deren eigenes Kind frühgeboren oder krank war und die speziell geschult wurden, um Familien in dieser belastenden Situation zu begleiten(5).

In der Schweiz existieren zwei etablierte Programme: NTT in der Romandie und Frühchen & Neokinder Schweiz in der Deutsch- und italienischsprachigen Schweiz. Rückmeldungen aus der Praxis deuten auf eine hohe Akzeptanz bei Familien und Fachpersonen hin; nationale Koordination fehlt jedoch weiterhin.

Dieser Artikel verfolgt vier Ziele:

  1. Darstellung der elterlichen Vulnerabilität in der Neonatologie
  2. Übersicht über Konzepte und Evidenzlage zu Peer Support
  3. Darstellung internationaler Modelle sowie der aktuellen Situation in der Schweiz

Ableitung zukünftiger Entwicklungsperspektiven für eine nachhaltige Integration von Peer Support in der Schweizer Neonatologie

2. Die neonatologische Erfahrung aus Sicht der Eltern

Die Hospitalisation eines Neugeborenen in einer Neonatologie stellt Eltern vor eine oft plötzliche, unerwartete und tief verunsichernde Situation. Der Eintritt in die Neonatologie – insbesondere in die Intensivpflege – bedeutet eine abrupte Konfrontation mit einer hoch technisierten Umgebung, geprägt von Unsicherheit und Kontrollverlust(7).

Eltern betreten neonatologische Stationen in der Regel ohne vorherige Vorbereitung und häufig in einem Schockzustand. Die unmittelbare Trennung vom Neugeborenen, die Präsenz medizinischer Geräte und der möglicherweise kritische Gesundheitszustand des Kindes beeinträchtigen frühe Interaktionen zwischen Eltern und Neugeborenem(7). Solche Umstände können das Vertrauen der Eltern sowie ihr Gefühl der Legitimität, für ihr Kind zu sorgen, untergraben.

2.1 Körperliche Vulnerabilität der Eltern

Die Vulnerabilität von Eltern in der Neonatologie hat auch eine ausgeprägte körperliche Dimension. Mütter müssen sich häufig von komplexen Geburtsverläufen erholen, darunter operative Eingriffe, Schmerzen, hormonelle Umstellungen sowie massiver Schlafmangel(8). Das Stillen oder Abpumpen unter Stress und teilweise bei räumlicher Trennung vom Kind stellt eine zusätzliche Belastung dar und kann den Laktationsbeginn verzögern oder zu unzureichender Milchproduktion führen(9). Auch Väter und andere Bezugspersonen erleben oft chronische Erschöpfung, da sie mehrere Rollen gleichzeitig übernehmen: emotionale und praktische Unterstützung der Mutter, Organisation des Alltags, Betreuung von Geschwisterkindern und berufliche Verpflichtungen(10).

2.2 Psychologische Vulnerabilität

Aus psychologischer Perspektive sind Eltern von in der Neonatologie hospitalisierten Säuglingen einem intensiven und anhaltenden Stress ausgesetzt. Sie berichten häufig über Gefühle von Schuld, Hilflosigkeit oder dem Versagen, ihr Kind schützen zu können(1). Dies stellt ein wesentlicher Risikofaktor dar für die Entwicklung psychischer Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsreaktionen(2-4). Die Symptome können weit über die Hospitalisation hinaus bestehen bleiben und das Familienleben langfristig prägen(11).

2.3 Soziale und strukturelle Vulnerabilität

Der Alltag von Familien wird durch die Hospitalisation eines Neugeborenen erheblich erschüttert. Logistische und finanzielle Herausforderungen – insbesondere lange Wege zwischen Wohnort und Spital – Vereinbarkeit mit dem Beruf und gleichzeitige Betreuung von Geschwistern müssen organisiert werden. Soziale Unterstützungsnetzwerke können während einer verlängerten Hospitalisation stark belastet sein, und der Zugang zu praktischer Unterstützung variiert je nach Region.

Auch rechtliche Rahmenbedingungen prägen die Situation: Mütter hospitalisierter Neugeborenen erhalten derzeit eine maximal 56-tägige Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs. Obwohl diese Massnahme die besonderen Herausforderungen im Zusammenhang mit der neonatologischen Versorgung anerkennt, kann sie in Fällen einer extremen Frühgeburtlichkeit oder einer verlängerten Hospitalisation unzureichend sein. Als Reaktion auf diese Einschränkungen engagierte sich Frühchen & Neokinder Schweiz (FNS) in einer kontinuierlichen politischen Interessenvertretung in Zusammenarbeit mit Mitgliedern des Schweizer Parlaments. Eine im Jahr 2025 verabschiedete Reform legt fest, dass ab 2027 die Begrenzung auf 56 Tage aufgehoben wird und der Mutterschaftsurlaub erst beginnt, sobald das Neugeborene aus der Neonatologie nach Hause entlassen wird. Diese Entwicklung stellt eine bedeutende strukturelle Verbesserung dar, da sie die gesetzlichen Rahmenbedingungen stärker an die tatsächlichen Lebensrealitäten der betroffenen Familien anpasst.

Für Väter und Co-Eltern existiert hingegen keine Verlängerung ihres zweiwöchigen Urlaubs. Diese Asymmetrie kann die Präsenz des zweiten Elternteils einschränken und die Belastung für Familien erhöhen, obwohl Evidenz darauf vorhanden ist, dass eine aktive Beteiligung beider Elternteile einen Schutzfaktor für die mütterliche psychische Gesundheit und die kindliche Entwicklung darstellt(13).

Generell ist die Schweizer Neonatologie durch eine institutionelle und regionale Heterogenität hinsichtlich der Regelungen zur elterlichen Präsenz, der Verfügbarkeit von Familienzimmern und des Zugangs zu psychosozialen Diensten gekennzeichnet. Verlegungen zwischen Spitälern können den Stress zusätzlich erhöhen. Zusammen tragen diese strukturellen Faktoren zu ungleichen elterlichen Erfahrungen bei.

2.4 Familienintegrierte Pflege

Ein Versorgungsmodell, das explizit auf die körperlichen, psychologischen und sozialen Vulnerabilitäten eingeht, ist familienintegrierte Pflege (Family Integrated Care, FICare)(14,15). Das Modell stellt Eltern als aktive Partner:innen im neonatologischen Pflegeprozess ins Zentrum. Durch Anleitung und Begleitung durch Fachpersonen stärken Eltern ihre Kompetenzen und übernehmen zunehmend Aufgaben in der Pflege ihres Kindes. Durch mehr Kompetenz der Eltern, kann FICare das neonatale outcome und die Belastung der Eltern verbessern(15). Peer Support bildet eine der zentralen Säulen dieses Modells, da der Austausch mit erfahrenen Eltern Gefühle der Isolation reduzieren und das Vertrauen in die eigene Rolle stärken kann(16).

3. Peer Support in der Neonatologie: Evidenz und Implementierung

3.1 Neonataler Peer Support

Peer Support bezeichnet emotionale, informative und erfahrungsbasierte Unterstützung durch Personen, die eine ähnliche Situation durchlebt haben(17). Im Kontext der Neonatologie sind Peer‑supporter „erfahrene“ Eltern, deren eigenes Kind aufgrund von Frühgeburtlichkeit oder einer angeborenen Erkrankung zuvor auf einer neonatologischen Station hospitalisiert war(18).

 Sie ergänzen die professionelle Versorgung, indem sie emotionale Entlastung, Orientierung und Stärkung des elterlichen Selbstvertrauens bieten. Da sie auf gemeinsamen Erfahrungen beruht, kann Peer‑Unterstützung emotionale Reaktionen legitimieren, Isolation verringern und das elterliche Selbstvertrauen stärken – und bleibt dabei eine Ergänzung zu professionellen psychosozialen Interventionen(19).

Tabelle 1 verdeutlicht die Vielfalt der Zeitpunkte und Formate, in denen Peer Support in der Neonatologie angeboten werden kann. Unterstützung kann in verschiedenen Phasen des Versorgungsverlaufs und in unterschiedlichen Formaten erfolgen, wodurch sie sich flexibel an die sich wandelnden Bedürfnisse der Eltern anpassen lässt und zugleich mit den Rahmenbedingungen der neonatalen Hospitalisation vereinbar bleibt.

Eine wirksame und klar strukturierte Zusammenarbeit mit den neonatologischen Fachpersonen ist eine zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von Peer‑Support‑Programmen. Eine strukturierte Koordination mit medizinischen, pflegerischen und psychosozialen Teams gewährleistet Rollenklarheit, einen angemessenen Zugang zu den Neonatologiestationen und eine transparente Kommunikation mit den Familien. Klare Grenzen und definierte Kooperationswege helfen sicherzustellen, dass Peer Support die professionelle psychosoziale Betreuung sinnvoll ergänzt.

Tabelle 1. Modalitäten und Zeitpunkte von Peer‑Support‑Interventionen in der Neonatologie

3.2 Evidenzlage zu neonatalem Peer Support

Ein wachsender Bestand internationaler Forschungsergebnisse deutet darauf hin, dass strukturierte Peer‑Support‑Programme das elterliche Vertrauen, das Wohlbefinden, das Selbstwertgefühl, die Bewältigungs‑ und Problemlösefähigkeiten sowie die Akzeptanz der eigenen Situation verbessern(5). Peer‑Unterstützung wurde zudem mit einer stärkeren elterlichen Beteiligung an der neonatologischen Versorgung in Verbindung gebracht(5) und in einigen Studien auch mit verbesserten Versorgungspfaden, darunter kürzeren Hospitalisationen(20).

Die Evidenz zur Wirkung neonatologischer Peer‑Unterstützung auf die psychische Gesundheit von Eltern ist bislang begrenzt und heterogen. Qualitative Studien berichten konsistent über eine Verringerung von Isolation sowie eine Normalisierung emotionaler Reaktionen(5), während quantitative Befunde weniger eindeutig ausfallen. So zeigte z.B. eine randomisierte kontrollierte Studie zur Peer‑Navigation nach der Entlassung keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber einer erweiterten Standardversorgung hinsichtlich der Reduktion von depressiven Symptomen, Angst oder Stress nach 12 Monaten(12,21). Meta‑Analysen psychosozialer Interventionen für Eltern von Frühgeborenen weisen zwar auf eine Abnahme von Stress und depressiven Symptomen hin; jedoch sind die wirksamsten Interventionen überwiegend professionell geleitet, sodass der spezifische Beitrag rein peer‑basierter Komponenten unklar bleibt(22). Insgesamt ist Peer‑Unterstützung eher als Bestandteil einer mehrschichtigen psychosozialen Versorgungsstrategie zu verstehen, denn als eigenständige therapeutische Intervention(23).

3.3 Umsetzung effektiver Peer‑Support‑Programme

Peer‑Support‑Programme sind am wirksamsten, wenn sie klar definiert, angemessen supervidiert und in die Strukturen der neonatologischen Versorgung integriert sind(16). Mehrere Publikationen(5,16,18) haben praxisorientierte Empfehlungen für die Implementierung von Peer‑Support‑Programmen in neonatologischen Spitalsettings formuliert und dabei die Bedeutung strukturierter Rahmenbedingungen und institutioneller Einbettung hervorgehoben. Die Studie von Thomson & Balaam betont, dass neonatologischer Peer‑Support eine starke institutionelle Verankerung und klar definierte Governance‑Strukturen erfordert(18).

Diese Empfehlungen unterstreichen die Relevanz strukturierter Governance, institutioneller Verankerung, definierter Koordinationsrollen, kompetenzbasierte Schulung und regelmässiger Supervision, um Sicherheit, Rollenklarheit und eine nachhaltige Integration in neonatologische Teams zu gewährleisten. Tabelle 2 fasst die zentralen organisatorischen Komponenten zusammen, die zu einem sicheren, nachhaltigen und glaubwürdigen Rahmen der Implementierung beitragen.

Tabelle 2. Wichtige organisatorische Elemente für sichere und nachhaltige Peer‑Support‑Programme in der Neonatologie (adaptiert nach Thomson & Balaam(18)).

4. Peer Support im Schweizer Kontext

In der Schweiz hat sich Peer‑Support in der Neonatologie primär durch elterngeführte Initiativen entwickelt und nicht als systematisch integrierter Bestandteil der spitalbasierten Versorgung. Zwei Organisationen strukturieren derzeit den Grossteil der Peer‑Support‑Aktivitäten in der Neonatologie: Né Trop Tôt (NTT) in der Westschweiz sowie Frühchen & Neokinder Schweiz (FNS) in der Deutschschweiz und im Tessin. Beide Organisationen stützen sich auf geschulte erfahrene Eltern und verfolgen das Ziel, die professionelle medizinische und psychosoziale Versorgung durch erfahrungsbasierte Unterstützung zu ergänzen.

4.1 Heterogene und institutionell abhängige Umsetzung

Die Neonatologien in der Schweiz weisen eine grosse Heterogenität auf, die sich aus sprachregionalen Gegebenheiten, kantonalen Gesundheitssystemen und unterschiedlichen Spitalstrukturen ergeben. Dadurch unterscheidet sich der Zugang zu Peer‑Support erheblich zwischen den einzelnen neonatologischen Einheiten. In manchen Spitälern sind Peer‑Supporter fest in die familienintegrierte Versorgung eingebunden und arbeiten eng mit den Fachteams zusammen. In anderen Einrichtungen bleibt Peer‑Support informell, eingeschränkt oder fehlt vollständig. Die Umsetzung hängt somit stark von der institutionellen Bereitschaft, der Verfügbarkeit qualifizierter Peer‑Eltern und der Existenz aktiver Elternorganisationen ab.

4.2 Zentrale Rolle elterngeführter Organisationen

NTT und FNS bilden das Rückgrat neonatologischen Peer‑Supports in der Schweiz. Aufbauend auf eigenen Erfahrungen haben sie strukturierte Programme entwickelt, die Rekrutierung, Schulung und Supervision von Peer‑Supporter:innen sowie definierte Formen der Zusammenarbeit mit lokalen neonatologischen Einheiten umfassen. Ihre Aktivitäten gehen typischerweise über die direkte Peer‑Unterstützung hinaus und schliessen Bereitstellung von Informationen, praktische Hilfsmittel für Familien sowie das Eintreten für eine familienintegrierte Neugeborenenversorgung mit ein.

Durch ihre Präsenz in den Spitälern und ihre Kontakte zu Familien vor, während und nach der Hospitalisation tragen diese Organisationen zur Verringerung elterlicher Isolation bei und unterstützen die Kontinuität entlang des gesamten Versorgungspfads. Zudem können sie als Vermittlerinnen zwischen Familien und Gesundheitsfachpersonen fungieren, indem sie gegenseitiges Verständnis fördern und elterliches Erfahrungswissen im klinischen Kontext legitimieren.

4.3 Eine fragmentierte, aber wachsende Landschaft

Trotz des Fehlens einer nationalen Koordination hat sich der neonatologische Peer‑Support in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet, was die zunehmende Anerkennung der elterlichen psychischen Gesundheit als Determinante neonataler und familiärer Outcomes widerspiegelt. Tabelle 3 zeigt jene neonatologischen Einheiten, in denen strukturierter Peer‑Support implementiert wurde, sowie das jeweilige Einführungsjahr. Die meisten Programme wurden seit 2023 aufgebaut, was auf eine jüngste Beschleunigung der Implementierung hinweist. Peer‑Support ist derzeit in 15 der 28 neonatologischen Einheiten der Schweiz verfügbar, darunter in 8 von 9 Level‑III‑Zentren. Trotz dieser Fortschritte bleibt der Zugang regional und institutionell ungleich verteilt, was sowohl die Dynamik elterngeführter Initiativen als auch den Bedarf an kohärenterer Integration in die schweizerischen neonatologischen Versorgungsstrukturen verdeutlicht.

Tabelle 3. Neonatologische Einheiten mit strukturiertem Peer‑Support in der Schweiz (Stand: Februar 2026).

5. Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen

5.1 Evidenz und Evaluation

Die quantitative Evidenz zu den spezifischen Vorteilen von Peer‑Support in der Neonatologie bleibt begrenzt, und die eingesetzten Messinstrumente zum Outcome unterscheiden sich stark zwischen den Programmen. Dadurch wird es schwierig, Wirkungen überzeugend nachzuweisen und institutionelle wie finanzielle Unterstützung zu sichern. Eine systematische Evaluation mit standardisierten Indikatoren zu elterlichem Wohlbefinden, Zufriedenheit und Engagement sollte fest in die Programme eingebettet sein. Intensivere Forschungspartnerschaften könnten helfen, den Beitrag von Peer‑Support innerhalb komplexer psychosozialer Versorgungsmodelle besser zu verstehen.

5.2 Finanzierung und professionelle Koordination

Ein zentrales Hindernis ist die mangelnde finanzielle Stabilität der Programme. Viele basieren auf befristeten Projektbeiträgen, freiwilligem Engagement oder Spenden. Dadurch fehlen langfristige Sicherheiten für Peer‑Koordinationsstellen, Ausbildung oder Supervision. Für einen nachhaltigen Betrieb braucht es kombinierte Finanzierungsmodelle: Unterstützung durch Spitäler, öffentliche Gelder, Stiftungen und gegebenenfalls nationale Fonds. Gerade die Koordination – als Schnittstelle zwischen Spitälern, Peer‑Eltern und Fachpersonen – sollte institutionell abgesichert sein.

5.3 Nationale Rahmenbedingungen und Standards

Da nationale Leitlinien fehlen, unterscheiden sich Rollenbeschreibungen, Schulungsstandards und Evaluationsstrukturen stark zwischen den Regionen und Institutionen. Schweizweit geltende Rahmenwerke, die sich an internationalen Empfehlungen orientieren, könnten zentrale Prinzipien für Peer‑Support festlegen (z. B. Rollenabgrenzung, ethische Standards, Anforderungen an Ausbildung und Supervision) und gleichzeitig Raum für regionale Anpassungen lassen.

5.4 Intensität und Zugänglichkeit des Supports

In vielen Spitälern sind Peer‑Eltern nur ein‑ bis zweimal pro Monat vor Ort. Familien erleben jedoch akute Belastungsspitzen, die sich nicht an Einsatzpläne halten. Eine flexiblere Struktur – etwa hybride Modelle mit Online‑Kontaktmöglichkeiten – könnte den Zugang verbessern, ohne zusätzliche Hürden zu schaffen.

5.5 Integration und Nachhaltigkeit

Die Integration in Teams verläuft unterschiedlich: Manche Neonatologien betrachten Peer Support als festen Bestandteil der Versorgung, andere als externen Zusatz. Eine klare institutionelle Verankerung – mit definierten Abläufen, Kommunikationswegen und Rollen – ist entscheidend für Kontinuität und Qualität. Auch der Schutz der Peer‑Eltern ist wichtig: Regelmässige Supervision, Austausch und Weiterbildung sind zentrale Faktoren für die langfristige Bindung und emotionale Gesundheit der Freiwilligen.

6. Schlussfolgerung

Eltern von Neugeborenen, die in neonatologischen Einheiten hospitalisiert sind, erleben in dieser Phase eine ausgeprägte körperliche, psychische und soziale Verletzlichkeit, geprägt von Unsicherheit und einem Verlust an Kontrolle. Peer Support stellt eine wertvolle und ergänzende Ressource dar, die auf gemeinsamer Erfahrung basiert und Familien in einer Phase intensiver Unsicherheit stärkt. Die internationale Forschung zeigt klare Vorteile in Bezug auf emotionale Unterstützung, gesteigertes Selbstvertrauen der Eltern und verbesserte Zusammenarbeit zwischen Familien und Behandlungsteams. Programme dieser Art sind durchführbar und gut akzeptiert, wenn sie in die bestehenden Strukturen der neonatologischen Versorgung integriert sind und durch angemessene Schulung und Supervision unterstützt werden.

In der Schweiz hat sich Peer Support dank elterngeführter Organisationen dynamisch entwickelt, bleibt jedoch durch regionale Unterschiede, fehlende nationale Standards, unsichere Finanzierung und eingeschränkte strukturelle Integration fragmentiert. Um eine nachhaltige, flächendeckende und qualitativ hochwertige Umsetzung zu gewährleisten, braucht es koordinierte Weiterentwicklungen: verbindliche nationale Rahmenbedingungen, gesicherte Finanzierung, solide Schulungs- und Supervisionsstrukturen sowie eine institutionelle Verankerung innerhalb der Neonatologien.

Der Ausbau von Peer Support ist entscheidend, um eine ganzheitliche, familienintegrierte neonatologische Versorgung sicherzustellen – für mehr Chancengleichheit, Sicherheit und Unterstützung für alle betroffenen Familien.

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Weitere Informationen

Korrespondenz

Autor:innen

  • Laurent Nguyen
    Collectif Santé Mentale Périnatale / Mencare Suisse, ex-Né Trop Tôt
  • Dina Hediger
    Frühchen & Neokinder Schweiz FNS
  • Laura Szyman
    Université de Genève