Fachzeitschrift

Editorial

Anlässlich meiner bevorstehenden Pensionierung im Juli 2026 möchte ich dieses Heft rund um das Thema «pädiatrische Hämostase» allen Kinderärzt·innen der Schweiz widmen.

Wenn ich auf meine langjährige Tätigkeit im Bereich der pädiatrischen Hämostase zurückblicke, erfüllt mich eine tiefe Dankbarkeit – für das Vertrauen der Kinder und ihrer Familien, für die Zusammenarbeit mit vielen grossartigen Kolleg:innen und für die Möglichkeit, eine Sprechstunde zur Abklärung und Behandlung von Gerinnungsstörungen bei Kindern am Universitäts-Kinderspital Zürich aufgebaut und geführt und, darüber hinaus, in der schweizerischen Landschaft dieses Gebiet gefördert zu haben. Die pädiatrische Hämostase war für mich nicht nur ein Spezialgebiet, sondern eine wahre Berufung. Gerade in den letzten Jahren und im Rahmen der hochspezialisierten Medizin ist mir noch bewusster geworden, wie wertvoll es ist, die individuellen Besonderheiten der Gerinnung im Kindes- und Jugendalter zu verstehen und entsprechend einfühlsam und präzise zu handeln.

Dieses Heft behandelt einige wichtige Aspekte der Gerinnung bei Kindern.

  • Die Frage, wann eine Blutungsneigung bei Kindern abklärungsbedürftig ist, hat mich immer wieder herausgefordert, denn gerade hier geht es darum, überlegt und aufmerksam zu sein – nicht undiskriminiert und nicht nur auf Laborwerte, sondern vor allem auf die Geschichte und das Umfeld des Kindes den Schwerpunkt zu legen.
  • Mit der Zunahme von Erkenntnissen über angeborene Thrombophilie-Faktoren bei Erwachsenen ist auch die Nachfrage der Abklärung von Kindern gestiegen. Da Thrombosen bei Kindern insgesamt selten sind und meist sekundär im Zusammenhang mit vorübergehenden Risikofaktoren entstehen, sollte die Indikation zur Thrombophilie-Abklärung sorgfältig gestellt werden. Nur so können unnötige Untersuchungen und therapeutische Ansätze vermieden werden.
  • Die Gerinnung bei Kindern unterscheidet sich deutlich von Erwachsenen, was sich unter anderem auf die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Antikoagulantien auswirkt. In den letzten Jahren wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, welche die Dosierung, Sicherheit und Effektivität der neuen direkten, oralen Antikoagulantien (DOAK) bei Kindern untersucht haben. Die Ergebnisse solcher Studien tragen wesentlich dazu bei, evidenzbasierte Leitlinien für die Behandlung thromboembolischer Erkrankungen bei Kindern zu erstellen. Zudem ermöglichen sie eine bessere Risikoabschätzung und eine individuell und an Kinder angepasste Antikoagulation durchzuführen.
  • Seltene Blutungskrankheiten betreffen nicht nur Männer – auch Frauen sind davon betroffen, oft mit schweren gesundheitlichen und psychosozialen Folgen. Erkrankungen wie zum Beispiel die Hämophilie A oder B wurden jedoch historisch fast ausschließlich im Zusammenhang mit männlichen Patienten betrachtet. Frauen wurden dabei als asymptomatische Trägerinnen betrachtet. Blutungsstörungen bei Frauen äussern sich häufig mit starken und lang-anhaltenden Menstruationsblutungen, übermässig starke Blutungen nach Geburten, Operationen oder Zahnbehandlungen, die oft nicht als Hinweis auf eine Blutgerinnungsstörung erkannt werden. Erst in den letzten Jahren hat dieses wichtige Thema die Aufmerksamkeit erhalten, die es verdient. Dank des Engagements von Patientinnen und Fachgesellschaften ist das Bewusstsein dafür gewachsen. Ich bin sehr stolz darauf, dass meine designierte Nachfolgerin, Frau Dr. med. Alessandra Bosch, eine gemeinsame hämatologische-gynäkologische Sprechstunde für Adoleszent:innen mit starken Menstruationsblutungen am Universitäts-Kinderspital Zürich zusammen mit Frau Dr. med. Kerstin Ruoss initialisiert hat. Viele junge Mädchen können damit gezielt abgeklärt, beraten und behandelt werden.

Mein Herz schlägt besonders für die Förderung der nächsten Generation von pädiatrischen Hämostaseolog:innen. Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, alle jungen Kolleg:innen, die zu diesem Heft beigetragen haben, auf ihrem Weg begleitet und unterstützt haben zu dürfen. Ich bin überzeugt, dass sie mit ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft unser Fachgebiet in eine gute Zukunft führen werden.

Der Abschied von meiner aktiven klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit fällt mir nicht leicht. Doch erfüllt mich auch Zuversicht, dass die pädiatrische Hämostase mit viel Engagement und Fachwissen weitergeführt wird. Ich blicke voller Dankbarkeit auf die gemeinsamen Jahre zurück und freue mich, weiterhin als Mentorin und Unterstützerin für die junge Generation da zu sein.

Ich danke allen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, und wünsche Ihnen viel Inspiration bei der Lektüre der hier versammelten Beiträge.

Weitere Informationen

Korrespondenz

Autor:innen

  • Prof. Dr. med. Manuela Albisetti
    Leitende Ärztin, Abteilung Hämatologie, Universitäts-Kinderspital, Zürich