Fachzeitschrift

Editorial

Neonatologie: Beachtenswerte Fortschritte, anhaltende Herausforderungen

Vor wenigen Jahrzehnten noch war die Geburt eines Kindes in der 24. SSW gleichbedeutend mit einem tödlichen Ausgang. Die bemerkenswerten Fortschritte der perinatalen Medizin ermöglichen es nicht nur, Leben zu retten, sondern auch die langfristigen Entwicklungsperspektiven zu verbessern. Hinter diesen Erfolgen verbergen sich Jahrzehnte wissenschaftlicher Neuerungen, verbesserter Pflege und Zusammenarbeit zwischen Teams der Geburtshilfe, Neonatologie und Pädiatrie. Diese Fortschritte bringen auch neue Herausforderungen: Wie die Behandlung optimieren, wie Komplikationen verhindern und wie die Kinder und ihre Familie auch über die Perinatalzeit hinaus begleiten?

Die in dieser Nummer vereinten Beiträge illustrieren die verschiedenen Aspekte eines Fachgebietes, das sich in dauernder Entwicklung befindet. Auch wenn die Fortschritte der Neonatologie oft durch die Versorgung extrem frühgeborener Kinder veranschaulicht werden, umfasst das Fachgebiet die Betreuung aller während der Neonatalperiode vorkommenden Pathologien. Gemeinsames Forschen spielt eine zentrale Rolle bei der Verbesserung der Behandlung Neugeborener. Das Beispiel der RELIEF-Studie zeigt, wie die Infrastruktur des Swiss Neonatal Networks pragmatische Studien auf breiter Basis ermöglicht, um grundlegende klinische Fragestellungen zu beantworten, wie zum Beispiel die Auswirkungen verschiedener Strategien der Flüssigkeitszufuhr für frühgeborene Kinder. Solche Ansätze ermöglichen es, neue und direkt in der klinischen Praxis anwendbare Erkenntnisse zu gewinnen.

Die moderne Neonatologie beschränkt sich nicht mehr auf medizinische Eingriffe. Die Berücksichtigung entwicklungsbezogener Umweltfaktoren und der Einbezug der Familien haben deutlich an Bedeutung gewonnen. Auf die Entwicklung und die Familie ausgerichtete Ansätze, wie jene, die durch das Programm FINE (Family and Infant Neuro-Development Education) inspiriert sind, erinnern daran, dass Interaktion, Stressreduzierung und der aktive Einbezug der Eltern essenzielle Komponenten in der Betreuung gefährdeter Neugeborener sind. In diesem Zusammenhang stellt der Peer Support unter Eltern eine wertvolle Ressource dar, um Isolierung zu mindern und die elterliche Kompetenz während des Spitalaufenthaltes zu stärken.

Die Neuerungen in der Prävention von Infektionskrankheiten sind ein weiteres Beispiel kürzlicher Fortschritte. Die neu eingeführten monoklonalen, langwirksamen Antikörper und die mütterliche Impfung öffnen neue Perspektiven, um die Auswirkung des Respiratorischen Synzytial-Virus auf Säuglinge zu mindern. Auch das bessere Verständnis und die verbesserte Behandlung kongenitaler Infektionen, wie jene durch das Zytomegalievirus, veranschaulichen die Bedeutung der perinatalen Medizin in der Präventon neurologischer Komplikationen.

Diese Fortschritte dürfen jedoch die bestehenden Herausforderungen nicht verdecken. Mit der steigenden Überlebensrate extrem frühgeborener Kinder rückt die Aufmerksamkeit zunehmend auf die langfristigen Folgen. Entwicklungsneurologische, sensorische und kognitive Spätfolgen sind in dieser Population weiterhin zu häufig und erfordern eine strukturierte und interdisziplinäre Nachsorge, in welcher der Kinderarzt eine zentrale Rolle spielt.

Nicht zuletzt beruht die Verbesserung der Betreuung der Neugeborenen auch auf der Ausbildung und der interprofessionellen Zusammenarbeit. Nationale Programme wie «start4neo» tragen dazu bei, wesentliches Fachwissen bei allen an der Betreuung von Neugeborenen beteiligten Fachkräften zu verbreiten.

Die Neonatologie befindet sich heute im Spannungsfeld verschiedener Entwicklungen: wissenschaftliche Neuerungen, Humanisierung der Pflege, frühzeitige Prävention und langfristige Betreuung. Für die Kinderärzt:innen ist die Kenntnis dieser Entwicklungen wesentlich, denn Kinder die ihr Leben in einer Neonatologie begonnen haben, benötigen eine über die Neugeborenenzeit hinausgehende und langfristige Betreuung.

Weitere Informationen

Übersetzer
Rudolf Schlaepfer
Korrespondenz

Autor:innen

  • Prof. Dr med. Eric Giannoni
    Médecin adjoint, service Néonatologie, DFME, CHUV, Lausanne
  • PD Dr. med. Christoph Rüegger
    Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich sowie Universität Zürich