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Wahrnehmung von Gefahr und Gewalt im Sport

Überlegungen und Antworten einer Gruppe junger Elitesportler und -Sportlerinnen der 9. und 10. Stufe der Orientierungsschule (12-15jährig) in Kunst- und Sportklassen des Kantons Genf

Einführung

Seit einigen Jahren sind die Gefahren und die Gewalt im Kinder- und Jugendsport, teilweise aufgrund von Medienberichten, sowohl im Sportmilieu als auch bei Fachkräften des Gesundheits- und Schulwesens wieder in den Fokus gerückt.

Diese Themen sind nicht neu. Die erste Beschreibung der Belastungen für das Kind bei intensivem Sport wurde von Rainer Martins 1978 publiziert1). Es ist übrigens Martins, der die erste Version der Charta der Kinderrechte im Sport veröffentlichte, mit dem Ziel, die Sportwelt für gewisse Auswüchse im Wettkampfsport von Kindern zu sensibilisieren und Wege aufzuzeigen, um Sport sicherer und freudiger zu machen.

Eine Expertengruppe des olympischen Komitees hat sich kürzlich dieser Problematik angenommen und mehrere Texte publiziert, die auf die Gesundheitsaspekte im Zusammenhang mit Wettkampfsport im Kindesalter aufmerksam machen und Denkansätze vermitteln2). Es werden verschiedene Formen von Missbrauch, wie Belästigung und sexueller Missbrauch, sowie jede Form von emotionalem und physischem Missbrauch erwähnt, die die Gesundheit des Kindes gefährden.

Ein 2021 publizierter Bericht einer europäischen Arbeitsgruppe zur zwischenmenschlichen Gewalt gegenüber Kindern, im und ausserhalb des Sports, erlaubt es ebenfalls, sich ein Bild der Art und Häufigkeit von Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu machen3). Ausgehend von einem validierten und standardisierten Fragebogen, den 1472 18-30jährige, die an Wettkampfsport teilgenommen hatten, in 6 europäischen Ländern beantworteten, stellten die Autoren fest, dass 75% dieser jungen Menschen mindestens einmal vor dem Alter von 18 Jahren zwischenmenschliche Gewalt erlebt haben und dass die Anzahl ausserhalb von Sport auf 82% ansteigt.

Diese Zahlen können mit einer kürzlichen Studie der Universität Zürich zur Gewalt bei Jugendlichen verglichen werden, die eine signifikante Zunahme während den letzten Jahren feststellt; 24% der befragten Jugendlichen geben an, im Verlaufe der letzten 30 Monate Opfer von Gewalt gewesen zu sein4). Da ein Grossteil der Literatur auf Expertenmeinungen und in einem gewissen Mass auf Medienberichten gründet, schien es uns interessant herauszufinden, wie junge Sportler aus Kunst- und Sportklassen des Kantons Genf die Gefahren und Gewalt in ihrem Sport und im Sport allgemein erleben. Wir haben auch gefragt, was für Lösungen sie vorschlagen, um problematischen Situationen anzugehen.

Methodik

Die an der Studie beteiligte Gruppe bestand aus Schülern und Schülerinnen von Kunst- und Sportklassen (9. und 10. Stufe Orientierungsschule, 12-15jährig), die verschiedene Sportarten (auch Tanz) ausüben und/oder Musikinstrumente spielen, und mindestens 8 Stunden in der Woche ihrer künstlerischen oder sportlichen Aktivität widmen (Tabelle 1).

Im Rahmen der Gesundheitssprechstunde dieser Schüler wurden 5 Minuten für ein halbstrukturiertes Interview verwendet, mit offenen Fragen und analogen visuellen Skalen 0-10 (Abb. 1). Das Interview begann mit der Frage nach der Wahrnehmung/dem Eindruck der Gefährlichkeit ihres Sportes, dann des Sportes allgemein und schloss mit der Aufforderung das empfundene Ausmass dieser Variablen auf der Skala einzutragen. Das selbe Vorgehen wurde auch bezüglich Gewalt angewendet.

Es wurde keine Definition dieser Begriffe vorgegeben, so dass sie völlig frei definieren konnten, was für sie eine Gefahr und Gewalt darstellt. Die letzte Frage lautete «Was könnte man tun, um den Sport weniger gefährlich/weniger gewalttätig zu machen?»

Abbildung 1. Fragebogen für das Interview

Das Verständnis für die Fragen und das Benutzen der Skala wurde bei 6 Jugendlichen derselben Gruppe getestet, um sicherzugehen, dass sie mit dieser Art Befragung zurechtkommen.

Die Antworten auf die drei offenen Fragen wurden durch den Interviewer festgehalten. Die auf den analogen, 10 cm messenden Skalen eingetragenen Antworten wurden auf den Millimeter genau gemessen.

Die Musiker hatten gesamthaft keine besondere Meinung zu diesen Fragen, da sie weder Gefahren noch Gewalt im Zusammenhang mit ihrer Kunst sahen. Ihre Antworten wurden deshalb nicht in die Analyse einbezogen.

Die Mittelwerte der quantitativen Antworten wurden mit Hilfe eines exakten Chi-Quadrat-Test und Fischer-Test verglichen. Ein statistisch signifikanter Unterschied mit einem p <0.05 festgehalten wurde festgehalten.

Ergebnisse

Tabelle 1.  Liste der befragten Jugendlichen, in Abhängigkeit von Geschlecht und Sportart. Als Kollektivsport werden betrachtet: Basketball, Fussball, Handball, Eishockey, Tchoukball, Volleyball und Wasserball. Die übrigen Sportarten werden als Einzelsport betrachtet.

Wir haben 99 der 121 in den Kunst- und Sportklassen des Kantons Genf eingeschriebenen 12-15jährigen Sportler und Musiker befragt (Tab. 1), die Wettkampfsport (mindestens 8 Stunden in der Woche) oder intensiv Musik ausüben. Die 22 nicht befragten Schüler waren entweder abwesend oder kamen zu spät, so dass nicht genügend Zeit verblieb, um das Interview unter guten Bedingungen durchzuführen.

Unter den Befragten waren 45% Mädchen (n=45), die als häufigste Sportart Tanz und Volleyball ausüben, und 55% Knaben (n=54), deren Sport am häufigsten Fussball, Eishockey oder Tennis sind. Gesamthaft üben 42% einen Kollektivsport aus, 12% sind Musiker, die Übrigen treiben einen Einzelsport.

Die jungen Sportler-Innen schätzen in ihrem Sport auf der visuellen Skala eine Gefahr mit 2.32/10 und Gewalt mit 1,26/10 (p=0.06) ein.

Den Sport allgemein betreffend werden Gefahren mit 3.79/10 und Gewalt 3.39/10 (p=0.08) geschätzt, was zeigt, dass Gefahren und Gewalt im Sport allgemein als bedeutender betrachtet werden als im eigenen Sport.

Tabelle 2. Zusammenfassung der auf der analogen visuellen Skala von 0-10 erhobenen Werte (n=87) (Mittel-, Medianwert und Standardabweichung [SA]), sowie Werte der Variablen «Geschlecht» und «Sportart» (Einzel- oder Kollektivsport).

Vergleicht man die Ergebnisse von Einzel- und Kollektivsportarten, findet man vergleichbare Werte hinsichtlich Gefahren: 2.35/10 für Einzelsport und 2.76/10 für Kollektivsport (p=0.062), während die Werte für Gewalt bei 0.61/10 für Einzelsport und 2.10/10 für Kollektivsport (p=0.055) liegen.

Wird nach dem Geschlecht aufgeteilt, stellt man fest, dass die Knaben ihren Sport gefährlicher einschätzen (2.46/10) als die Mädchen (2.16/10) (p=0.072). Betreffend Gewalt im ausgeübten Sport beträgt die Schätzung der Knaben 1.80/10 und der Mädchen 0.60/10 (p=0.08).

Aus dem halbstrukturierten Interview geht beinahe konstant hervor, dass die Gefahr von Verletzungen als die wesentlichste angesehen wird. Gewisse Sportarten, wie Kampfsport, Eishockey und Rugby werden oft als gefährlich und gewalttätig erlebt, Skifahren und motorisierter Sport nur als gefährlich.

In ihren Kommentaren erwähnen die jungen Sportler, dass sie folgendes Verhalten als gewalttätig betrachten: Raufereien, Rivalitäten, Beschimpfungen, deplatzierte Gesten, Provokationen, mühsame körperliche Tätigkeit. Zwei Jugendliche haben Trainer erwähnt, die manchmal Mühe haben, ihre Emotionen zu beherrschen.

Ein gewisser Konsens lässt sich in den Kommentaren bezüglich der Tatsache erkennen, dass Gewalt in gewissen Sportarten dazugehört, unter der Bedingung, dass «die Spielregeln eingehalten werden». Interessant ist, dass ein Gegner, der mogelt, von einigen Befragten als gewalttätig bezeichnet wird.

Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass gesamthaft «Sport allgemein» als gewalttätiger betrachtet wird als der persönlich ausgeübte Sport.

Auf die Frage «Was könnte man tun, um Gewalt und Gefahren zu mindern?» antwortete die Mehrzahl «Nichts, der Sport ist gut so wie er ist».

Einige Vorschläge sind dennoch erwähnenswert und können in vier Themenkreise eingeteilt werden: Regeln im Sport, Selbstkontrolle; Beaufsichtigung durch Erwachsene; Fatalität/Toleranz.

Fairplay fördern.
Beschimpfung der Schiedsrichter vermeiden.
Reglemente verstärken, sich gegen Beschimpfung schützen.
Gewalt vermeiden, Wettkampf mögen.
Regeln der Kampfkünste ändern.
MMA (Gemischte Kampfkünste) verbieten.
Boxen: Ohne Schläge ist es kein Boxen mehr.
Regeln wiedereinführen, die abgeschafft wurden.
Übertreibung vermeiden.
Nicht irgendwelchen Quatsch machen.
Eine gute Technik haben.
Sich konzentrieren.
Nicht forcieren, wenn man nicht mehr kann.
Ruhe/Freude/Ausgewogenheit.
Im Club Massnahmen ergreifen, Beaufsichtigung (regelmässiges Eingreifen), sonst besteht die Gefahr, dass ein Kind ausgegrenzt wird.
Kinder zum Sprechen ermutigen.
Mit dem Lehrer sprechen, über Emotionen sprechen.
Besser überwachen.
Die Eltern schützen uns.
Unfall ist Pech.
Sich aufregen ist menschlich.
Es ist normal, ausser unzulässige Schläge.
Man kann nichts machen, die Leute sollten gelassener sein.

Diskussion

Erfreulich ist, dass die jungen Sportler und Sportlerinnen, die an dieser Studie teilgenommen haben, ihren Sport ganz allgemein weder als besonders gefährlich (2.3/10) noch besonders gewalttätig (1.26/10) beschreiben. Diese Einschätzung entspricht selbstverständlich auch dem allgemeinen Eindruck der Studienleiter am Ende der Interviews. Es ist jedoch auch möglich, dass man den Score von 2.3/10 als unannehmbar betrachtet.

Junge Sportler sind sich der Gefahren im Sport bewusst und können sie auch im Detail beschreiben (insbesondere, wenn sie selbst eine Verletzung erlitten haben). Sie scheinen sie jedoch als «zumutbare» Risiken ihrer sportlichen Betätigung und des Sportes im Allgemeinen zu akzeptieren. Niemand hat Angst beim Ausüben seines Sportes erwähnt.

Gewalt scheint vor allem mit gewissen Sportarten zusammenzuhängen, wie Kampfsport, wobei akzeptiert wird, dass diese Gewalt vorkommt und als akzeptierbar betrachtet wird, solange sie «im Rahmen der Reglemente» geschieht. Diese Feststellung machen auch Jugendliche die einen Mannschaftsport ausüben, in welchem Kontakte häufig sind; solange die Schläge im Rahmen der Spielregeln stattfinden, sind sie akzeptabel.

Dass eine Mogelei «schlimmer» als ein Schlag betrachtet wird, ist interessant und wirft die Frage nach der Rolle der Schiedsrichter in gewissen Sportarten auf, zum Beispiel beim Tennis.

Harte Trainings und Coachs die überfordern werden in zwei Aussagen erwähnt, und wie es in den Vorschlägen der jungen Sportler hervorgehoben wird, sollte die Beaufsichtigung des Sports im Kindesalter im Sinne der Charta der Rechte des Kindes im Sport vorrangig sein5). Dies sollte auf Club- und Verbandebene geschehen, kann aber auch zum Verantwortungsbereich der Ärzte gehören.

Im Allgemeinen sind sich Knaben, vor allem bei Kollektivsportarten, der Gefahren und Gewalt in ihrem Sport bewusst. Sie reden offen über Gewalt und geben zu, dass es vorkommt, dass sie die Grenzen überschreiten, das sie manchmal Mühe haben, sich «in der Hitze des Gefechts» zu kontrollieren. Die Reglemente respektieren und «Fairplay» wird oft erwähnt und ist bestimmt ein Aspekt, der gefördert werden muss.

Die Vorschläge der Jugendlichen dazu, wie die Gefahren und die Gewalt eingegrenzt werden können, sind insofern interessant, als dass die grosse Mehrheit den Eindruck hat, sich einer gesunden Aktivität zu widmen, mit ihren Gefahren und ihren Auswüchsen, dass diese jedoch verstanden und akzeptiert werden und zum Wettkampfsport gehören. Alle von den Jugendlichen gemachten Vorschläge sind beachtenswert und zeigen uns, wie überlegt sie sind und dass sie auch eine klare und reife Sicht zu diesen Umständen haben können.

Ihre Vorschläge zur Einschränkung der Gefahren und von Gewalt können in vier Themenkreisen zusammengefasst werden: Korrekte Anwendung der Spielregeln, gute Kenntnis von sich und der eigenen Grenzen, Beaufsichtigung durch die Sportinstanzen und die Familie, sowie akzeptieren, dass Sport Risiken mit sich bringen kann. Diese Elemente können unsere Überlegungen zur Vorbeugung von Gefahren und Gewalt im Sport von Kindern und Jugendlichen leiten.

Grenzen der Studie

Die beschränkte Anzahl Daten und die ungleiche Verteilung der verschiedenen Sportarten unter Mädchen und Knaben erschwert eine genauere statistische Analyse. Eine Wiederholung der Umfrage und eine Ausweitung der Anzahl Probanden könnte sinnvoll sein. Hingegen hebt diese Studie einige interessante Punkte bezüglich der Wahrnehmung von Gefahren und Gewalt im Sport durch junge Sportler und Sportlerinnen hervor, ein in der Literatur wenig erfasster Aspekt.

Es ist möglich, dass diese Daten lokal und kulturell beeinflusst sind, und deshalb nicht auf andere Länder extrapolierbar sind, wo der Sport unter Umständen besser oder weniger gut überwacht wird und die Ansprüche verschieden sind.

Schlussfolgerung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die befragten 12-15jährigen Sportler und Sportlerinnen den Gefahren und der Gewalt im Sport wenig Bedeutung zumessen und als zum Sport gehörend betrachten, sofern die Spielregeln eingehalten werden.

Die Knaben scheinen Sport eher als gewalttätig zu betrachten als die Mädchen, nehmen aber auch häufiger an Kollektivsporten teil.

Die jungen Sportler und Sportlerinnen haben auch Vorschläge zum geordneten Ablauf von Sport, wie zum Beispiel die korrekte Anwendung der Regeln, den Sport ernsthaft ausüben und dabei die persönlichen Grenzen einhalten, und sich zu vergewissern, dass Respekt und die Rechte des Kindes im Sport eingehalten und überwacht werden.

In der Hoffnung, dass alle jungen Menschen sich in ihrem Sport entfalten, könnte man diese, von einem der Befragten zitierten Worte festhalten: «Ruhe/Freude/Ausgewogenheit».

Referenzen

  1. Martens R, ed. Joy and Sadness in Children’s Sports. Human Kinetics Publishers; 1978.
  2. Bergeron MF, Mountjoy M, Armstrong N, et al. International Olympic Committee consensus statement on youth athletic development. Br J Sports Med. 2015;49(13):843-851. doi:10.1136/bjsports-2015-094962
  3. Hartill, M R B. CASES: General Report The prevalence and characteristics of interpersonal violence against children (IVAC) inside and outside sport in six European countries. Edge Hill University; 2021:100.
  4. Ribeau D. Deutlicher Anstieg der Jugendgewalt. https://www.news.uzh.ch/de/articles/news/2022/jugendgewalt.html
  5. Mahler PB, Bizzini L. La Charte des Droits de l’Enfant dans le sport: un outil pour promouvoir la santé et protéger l’enfant dans le sport. Rev Med Suisse. 2006;2:1774-1777.

Weitere Informationen

Übersetzer:
Rudolf Schlaepfer
Autoren/Autorinnen
Dr Per Bo Mahler, Médecin adjoint, Spécialiste FMH en Médecin du Sport, Service de Santé de l'enfance et de la Jeunesse, Office de l'enfance et de la jeunesse, Département de l'instruction publique, de la formation et de la jeunesse (DIP), Genève
dipl. psych. Alexandre Etter, Psychologue spécialiste en Psychologie du Sport FSP, Consultant auprès des classes sport art études, Canton de Genève
Emilien Jeannot, Épidémiologiste, Institut de santé globale, Université de Genève
Fabienne Benninghof-Jeannerat, Adjointe scientifique Secteur études et statistiques, Office de l'enfance et de la jeunesse, DIP, Genève
Denise Baratti, Médecin cheffe de service, Service de Santé de l'enfance et de la Jeunesse, Office de l'enfance et de la jeunesse, DIP, Genève