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Adoleszentenmedizin – die logische Fortsetzung pädiatrischer Bemühungen

Die Schweizer Pädiatrie steht im Umbruch, gerade auch was die Gesundheitsversorgung Jugendlicher anbelangt.

Das Jugendalter gilt im Vergleich zu anderen Altersgruppen als eine Lebensphase guter Gesundheit, doch der Schein trügt. Wenn man Gesundheitsparameter wie die Anzahl jährlicher Konsultationen als Kriterium wählt, so sind die Jugendlichen tatsächlich eine vergleichsweise gesunde Altersklasse. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass etliche Jugendliche mit Gesundheitsproblemen gar nicht erst den Weg in die ärztliche Praxis finden. Dies, obwohl viele gesellschafts- und stressassoziierte Gesundheitsprobleme und Krankheiten ihren Ausgang im Jugendalter nehmen und chronische Krankheiten des Kindesalters sich in dieser Lebensphase relativ häufig im Rahmen des explorativen Verhaltens der Jugendlichen vorübergehend verschlechtern. Zudem erreicht eine hohe Anzahl an Kindern mit chronischer Krankheit und zuvor letalem Ausgang im früheren Kindesalter heute das Jugend- oder gar das Erwachsenenalter und benötigt aktive Unterstützung bei der Transition ins Erwachsenenalter und die Erwachsenenmedizin. Die PädiaterInnen haben deshalb guten Grund, sich um eine bestmögliche Gesundheitsversorgung der Jugendlichen zu kümmern und sicherzustellen, dass ihre vorangegangenen Bemühungen der Gesundheitsförderung im Kindesalter bis ins Erwachsenenalter hinein Früchte zeigen.

Die Schweizer Pädiatrie steht allerdings im Umbruch, gerade auch was die Gesundheitsversorgung Jugendlicher anbelangt. In welche Richtung es geht ist ungewiss und wir tun gut daran, den Richtungsentscheid mit vereinigten Kräften mitzugestalten.

Die positive Richtung: Das soeben in der Paediatrica publizierte neue Berufsbild «Kinder- und Jugendarzt in Praxis und Spital» hält fest, dass FachärztInnen für Kinder- und Jugendmedizin kranke und gesunde Kinder und Jugendliche bis zum Abschluss der Adoleszenz begleiten. Es existieren unterschiedliche Definitionen der Dauer der Adoleszenz. Sawyer et al. machten im Lancet 2018 basierend auf neurobiologischen Erkenntnissen sogar den Vorschlag, die Adoleszenz als Altersbereich 10 – 25 Jahre zu definieren. Dennoch besteht Einigkeit, dass die Adoleszenz bis mindestens ins Alter von 18 – 20 Jahren dauert. PädiaterInnen in Praxis und Spital (die NeonatologInnen natürlich ausgenommen) sind also aktiv dazu eingeladen, sich um eine altersangemessene Gesundheitsförderung der Jugendlichen zu kümmern. Gewisse Kinderkliniken haben entsprechende Schritte zum Anheben der Altersgrenze für die Betreuung Jugendlicher nach oben bereits in die Wege geleitet oder erarbeiten Konzepte, um die anstehenden Herausforderungen in Sachen Infrastruktur, jugendmedizinischem Angebot und Transition erfolgreich umsetzen zu können.

Die negative Richtung: Der drohende Mangel an KinderärztInnen und allgemein GrundversorgerInnen beinhaltet die Gefahr der ärztlichen Unterversorgung der Jugendlichen. Auch diejenigen Kinder- und JugendärztInnen, welche grundsätzlich ein Interesse an den jugendlichen PatientInnen zeigen, könnten mangels Kapazität versucht sein, die ärztliche Betreuung Jugendlicher einzuschränken und das Schwergewicht ihrer Tätigkeit auf jüngere Kinder zu legen. Zusätzlich droht Ungemach von anderer Seite: So gab es in jüngster Zeit wiederholt regionale Versuche von Krankenversicherern, die Eltern von Kindern und Jugendlichen zum Unterschreiben von Krankenkassenverträgen zu bewegen, welche den Zugang zu KinderärztInnen beschränkten oder eine Alterslimite festlegten (z.B. Versuch einer Altersgrenze 12 Jahre durch eine Krankenversicherung 2014). Dank der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie wurden rasche Massnahmen gegen diese inakzeptablen Versuche der Diskriminierung von Jugendlichen ergriffen.

Insbesondere Kinder- und JugendärztInnen haben die Chance, mit adoleszentenmedizinischem Wissen und ihren Fertigkeiten der Beziehungsknüpfung den Jugendlichen eine professionelle und vertrauensvolle Plattform für Gesundheitsfragen und -probleme zu bieten, sowie die Jugendlichen mit chronischen Krankheiten und komplexen psychosomatischen Krankheitsbildern altersangemessen zu betreuen.

Als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für die Gesundheit Adoleszenter (www.sgga-assa.ch) ist es mir eine grosse Freude, Ihnen mit dieser Ausgabe der Paediatrica ausgewählte Themen näher bringen zu dürfen. Es wurden bewusst Beiträge mit multiprofessionellem Behandlungsansatz gewählt, denn zwei wesentliche Charakteristika der Adoleszentenmedizin sind die umfassende biopsychosoziale Sichtweise wie auch der oft notwendige multiprofessionelle Therapieansatz.

Den Autorinnen und Autoren dieses Schwerpunktes Adoleszentenmedizin gebührt ein herzliches Dankeschön für ihr Engagement, Ihnen die Adoleszenz und assoziierte Gesundheitsprobleme näher zu bringen. Die Beiträge zeigen eindrücklich auf, wie vielseitig die Adoleszentenmedizin ist. Und wenn Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, zum Abschluss der Behandlung – oder auch erst Jahre später – eine jugendliche oder junge erwachsene Person ein herzliches Dankeschön sagt, so wissen Sie, dass die Früchte Ihrer Arbeit geerntet wurden!

Weitere Informationen

Korrespondenz:
Autoren/Autorinnen
Dr. med. Christoph Rutishauser, Leiter Adoleszentenmedizin, Universitäts-Kinderspital Zürich