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Wissenschaftliche Jahrestagung der Kinderschutzgruppen der Schweizer Kinderkliniken, 22.11.2018

Kinderschutz |

Kinder suchtkranker Eltern sind körperlich und psychosozial vielfach belastet und in ihrer biopsychosozialen Entwicklung gefährdet.

Wenn die Eltern suchtkrank sind – Kinderschutz im Frühbereich

Ort

Inselspital Bern, Auditorium Ettore Rossi

Organisation

Kinderschutzgruppe der Kinderklinik Stadtspital Triemli Zürich (STZ)

Kinder suchtkranker Eltern sind körperlich und psychosozial vielfach belastet und in ihrer biopsychosozialen Entwicklung gefährdet. Umso wichtiger ist es, möglichst frühzeitig zu intervenieren, betroffene Eltern und ihre Kinder zu unterstützen und den Kindern den erforderlichen Schutz zukommen zu lassen.

Wie sehen solche effektiven Unterstützungs- und Schutzmassnahmen aus? Wie gelingt es, möglichst frühzeitig zu intervenieren? Welche Interventionen und Massnahmen sind möglich und erweisen sich längerfristig als hilfreich? Dies waren die Fragestellungen der wissenschaftlichen Jahrestagung 2018 der Kinderschutzgruppen der Schweizer Kinderspitäler, welchen in mehreren spannenden und sehr informativen Beiträgen nachgegangen wurde.

Die Tagung war inhaltlich chronologisch aufgegleist und startete mit der für das Kind bereits sehr sensiblen Zeit der Schwangerschaft, in der bei Suchterkrankung der Mutter vielfache Risikofaktoren für das Ungeborene bestehen. So zeigte Maren Tomaske, Chefärztin der Kinderklinik STZ im Eröffnungsreferat auf, wie pränatalen Risikofaktoren die biopsychosoziale Entwicklung nachhaltig beeinflussen und gefährden. Bemerkenswert ist, dass nicht nur die Exposition mit herkömmlichen Substanzen die kindliche Entwicklung beeinflussen können, sondern auch neue psychoaktive Substanzen wie beispielweise „Redbull“ und „Legal Highs“ (Designer Drogen).

Ein sehr eindrückliches Beispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit zeigten Nathalie Devaud, Oberärztin stadtärztlicher Dienst Zürich und Leiterin der Fachgruppe Schwangerschaft und Elternschaft (FAGSE) und Manuela Kleiner, Sozialarbeiterin für das Sozialdepartement der Stadt Zürich, auf, welche die Arbeit der FAGSE vorstellten.

Die FAGSE hat es sich zum Ziel gesetzt, Kinderschutz im sogenannten „Hard to reach“-Bereich zu ermöglichen. Sie versuchen mit sehr niederschwelliger Beratungen schwerstabhängige Schwangere und Eltern in prekären psychosozialen Situationen zu erreichen (u.a. auch Obdachlose), was nur mit grossem personellem und zeitlichen Ressourcen möglich ist, gilt es doch, Vertrauen aufzubauen, Kontakt aufrecht zu halten und sich in sehr komplexen Situationen interdisziplinär fachlich zu vernetzen, um so pränatale und perinatale Schädigungen möglichst zu vermeiden oder zu minimieren und nachgeburtlich geeigneten Schutz für die Neugeborenen aufzugleisen. Erschwerend kommt in diesem Zusammenhang der gesetzliche Umstand hinzu, dass eine Fürsorgliche Unterbringung (FU) der Mutter zum Schutze des Kindes nicht möglich ist, da das Ungeborene gesetzlich noch keine rechtsfähige Person ist.

Barbara Bass, Leitende Ärztin Psychosomatik der Frauenklinik STZ, sowie Emanuela Erzinger, Pflegeleitung Neonatologie und Bea Moser, Leitung Betreuungsteam neonataler Substanzentzug der Kinderklinik STZ, zeigten auf, welche präventiven Chancen institutionalisierte interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb eines Spitals bietet. Als erste Instanz für die werdenden Mütter greift das von Barbara Bass 2014 initiierte und aufgebaute „Psychosoziale Board“ ein, ein interdisziplinäres Gremium, in welchem Fachleute aus Frauenklinik und Kinderklinik sich regelmässig austauschen. Hier wird geprüft, mit welchen Massnahmen Schwangere mit psychosozialen Belastungsfaktoren frühzeitig unterstützt und begleitet werden können. Unterstützende Massnahmen und Schutzmassnahmen fürs Kind werden bei häufig sehr komplexen Fragestellungen multiprofessionell und frühzeitig aufgegleist, so auch bei Suchterkrankungen der Eltern.

Hieran knüpft das Konzept zum neonatalen Substanzentzug der Neonatologie. Bereits im Vorfeld der Geburt wird das nachgeburtliche Procedere mit allen Beteiligten, incl. Eltern, besprochen und festgelegt. Säuglinge leiden meist unter diversen Entzugssymptomen, abhängig von der Substanz und dem kindlichen Metabolismus, welche teilweise bereits nach dem Durchtrennen der Nabelschnur einsetzen und vielfältiger medikamentöser und alternativer Therapien sowie grosser Zuwendung bedürfen. Aber auch die Betreuung und Begleitung der suchtkranken Eltern sowie die Zusammenarbeit mit Behörden, um die Zeit nach dem Spital zu klären, bis hin zu Fremdplatzierungen, gestaltet sich mitunter sehr aufwändig. Welche Tücken neue Substanzen bergen, über deren Folgen für das Kind bislang noch kaum Erfahrungen vorliegen, wird eindrücklich anhand einer Fallvignette geschildert: Der Exposition mit „Kratom“, einer aus Südostasien stammenden Baumart, dass bis Ende 2017 in der Schweiz legal erhältlich war.

David Lätsch, Dozent und Forschungsleiter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, liefert empirische Erkenntnisse zur psychosozialen Versorgung von suchtbetroffenen Müttern und ihren Neugeborenen. Der inhaltlich sehr hochstehende und dichte Beitrag bietet viele interessante Aspekte sowie überraschende Erkenntnisse, von denen zu berichten allesamt sehr interessant wäre. Nachfolgend eine kleine Auswahl:

  • Opiode: Hochrisikokonsum in Europa
  • Elterliche Suchterkrankung: Beeinträchtigungen der Erziehungsfähigkeit sind empirisch erwiesen: U.a. unangemessene Erwartungen an das Kind, reduziertes Einfühlungsvermögen, geringe Frustrationstoleranz, inkonsistenter, übermässig strenger Erziehungsstil mit Bejahung von Körperstrafen, reduzierte emotionale Verfügbarkeit
  • Probleme der Emotionsregulation und Mentalisierung bei suchtbetroffenen Eltern interagiert mit Problemen der Selbstregulation bei Kindern
  • Sucht erhöht Risiko für Kindesmisshandlung
  • Übergeordnete Merkmale gelingender Interventionsprogramme:
    – umfassend und intensiv
    – frauenspezifisch
    – ressourcenorientiert
    – konstante Betreuungsverhältnisse
  • Forschung empfiehlt Strategien der perinatalen Versorgung: Stillen, Rooming-in, ambulante Behandlung von Entzugssyndromen.

Stephan Germundson, Geschäftsführung des Vereins „DIE ALTERNATIVE“ für umfassende Suchttherapie mit vier Standorten im Kanton Zürich, und Marie-Therese Gehring, Bereichsleitung Therapie Ulmenhof, stellten das Konzept des Vereins vor. Viele Aspekte, welche sich gemäss des Vortrags von David Lätsch als empirisch wirksam erwiesen haben, sind hier bereits seit längerem berücksichtigt und umsetzt.

Nebst vielfältiger therapeutischer und psychosozialer Behandlungsangebote bietet die ALTERNATIVE u.a. eine ganzheitliche Betreuung des gesamten Familiensystems an, in der der Schutz der Kinder gewährleistet ist und Eltern Schritt für Schritt in ihre neue Rolle als Eltern hineinwachsen und eigene Themen bearbeiten können. Ziel ist eine stabile Phase der Kind-Eltern-Bindung.

Mit einem entwicklungspsychologischen Beratungskonzept werden die elterliche Feinfühligkeit und die kindliche Resilienz gefördert. Interessant auch die Idee, für jedes Kind, dessen Eltern kein tragfähiges Sozialnetz haben, eine Kontaktfamilie zu suchen, um eine nachhaltige langfristige Beziehung mit stabilem emotionalen Rückhalt zu ermöglichen. Bisweilen enden stationäre Behandlungen auch mit einem Abbruch und die Kinder müssen platziert werden. Für andere Familien geht’s nach der stationären Behandlung in eine ambulante Phase, in denen die Alternative längerfristige Nachsorge bietet.

Den Abschluss der Tagung gestaltet Barbara Weber, Psychologin und Psychotherapeutin von der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme (ZFA), mit einer Fallgeschichte eines heute 17jährigen, der die ersten dreizehn Lebensjahre massiven psychosozialen Belastungen ausgesetzt war, verursacht durch die Alkoholabhängigkeit der Mutter und die damit einhergehende Isolation der Familie. Zentral und exemplarisch für Kinder suchtkranker Eltern ist eine starke Parentifizierung und nicht altersentsprechende Übernahme von Verantwortung für den kranken Elternteil. In einer Einzeltherapie sowie in der Kindergruppe der ZFA erfuhr der Jugendliche dann vielseitige Unterstützung und die Stärkung eigener Ressourcen. Zudem gelang die Vernetzung mit Schule und Behörden.

Dennoch stimmte der Abschlussbeitrag nachdenklich, da er veranschaulicht, wie Kinder trotz vielfältiger Bemühungen bisweilen vergessen gehen und lange Jahre durch die Maschen des professionellen Helfernetzes fallen.

Ein eindrückliches Plädoyer fürs Hinschauen!

Weitere Informationen

Korrespondenz:
Autoren/Autorinnen
Psychologin lic.phil./eidg. anerkannte Psychotherapeutin Sonya Glanzmann, Kinderklinik Stadtspital Triemli

Prof. Dr. med. Maren Tomaske, Kinderklinik Stadtspital Triemli