Suchen Erwachsene wegen häuslicher Gewalt oder Drogenmissbrauchs eine Notfallstation auf, richtet sich die Aufmerksamkeit zunächst auf sie. Doch auch ihre Kinder können gefährdet sein. Das SPEK-Programm (SPEK = Screening von Patient:innen auf Erwachsenennotfallstationen bezüglich Kindswohlgefährdung) stellt sicher, dass die Kinder in den Fokus rücken und die Familie frühzeitig Unterstützung bekommt.
Frau Dr. Weber hat bei ihrer Arbeit in der Notfallstation schon viele Verletzungen gesehen. Als an diesem Abend eine Patientin mit Verletzungen eingeliefert wurde, horchte sie auf. Die Patientin, Anfang 40, hatte eine sichtbare Schwellung an der linken Wange und Hämatome an beiden Unterarmen, in unterschiedlichen Heilungsstadien.
Doch sie sagte, dass sie gestürzt sei. Frau Dr. Weber weiss, dass Patient:innen in solchen Situationen aus Scham oder Angst nicht immer die ganze Wahrheit sagen. Hinter vermeintlichen Unfällen verbirgt sich nicht selten häusliche Gewalt.
Nur ein beiläufiger Nebensatz verrät, dass die Kinder der Frau gerade bei der Nachbarin seien, ohne weitere Angaben.
Im klinischen Alltag richtet sich die Aufmerksamkeit verständlicherweise auf die sicht- und fassbare Verletzung. Häusliche Gewalt ist jedoch selten ein einmaliges oder isoliertes Ereignis und betrifft nicht nur die Erwachsenen. Für die Kinder im gleichen Haushalt stellt sie ein erhebliches Entwicklungsrisiko dar, selbst wenn sie selbst keine physische Gewalt erfahren. Allzu oft bleiben sie unbeachtet.
Stille Zeugen
Aktuelle Daten zeigen, wie weit verbreitet die Problematik ist. Laut der Kinderschutzorganisation Kinderschutz Schweiz(1) sind bei rund der Hälfte aller Polizeieinsätze im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt Kinder anwesend. Sie erleben die Gewalt direkt mit und werden so psychisch belastet.
Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau(2) schätzt, dass in der Schweiz jährlich mindestens 27’000 Kinder in der Schweiz als direkt mitbetroffene Zeug:innen von häuslicher Gewalt gelten. Besonders oft betroffen sind Kleinkinder im Vorschulalter, für die es kaum Möglichkeiten gibt, das Erlebte sprachlich auszudrücken. Fachleute gehen zudem davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Die Zahlen belegen damit nicht nur das Ausmass, sondern auch die Dringlichkeit früher Interventionen. Die Kinder hören Schreie, erleben Bedrohung und spüren Angst – auch ohne selbst geschlagen zu werden. Dieser chronische Stress kann tiefe emotionale Spuren hinterlassen:
Die Kinder leiden häufiger unter Entwicklungsverzögerungen, Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen und emotionalen Auffälligkeiten. Jüngere Kinder reagieren oft mit Ängsten, Wutausbrüchen oder sozialem Rückzug – ältere mit auffälliger Anpassung oder Aggression. Langfristig sind Bindungsstörungen, emotionale Instabilität und ein erhöhtes Risiko für spätere Gewaltbeziehungen belegt. Besonders belastend ist das Miterleben von Gewalt gegen einen Elternteil, meist die Mutter. Für viele Kinder wird das Zuhause zu einem unsicheren Ort. Das Miterleben häuslicher Gewalt wird heute als ebenso belastend angesehen wie direkte körperliche Misshandlung.
Früherkennung ist deshalb entscheidend. Kinderärzt:innen, Lehrpersonen und medizinisches Fachpersonal spielen eine Schlüsselrolle, um Warnzeichen wahrzunehmen und Hilfe zu initiieren – denn auch Zeugen tragen Narben.
Unterstützungsangebote für Fachpersonen, Eltern und Kinder
In belastenden Situationen stehen verschiedene Anlaufstellen zur Verfügung, sowohl auf offizieller Ebene als auch in Form niederschwelliger, schnell erreichbarer Angebote. Eine Auswahl zeigt Tabelle 1.

Und so war auch Frau Dr. Weber klar: Ihre Verantwortung endet nicht mit der Behandlung der Patientin. Sie musste auch an die möglicherweise betroffenen Kinder denken.
Verantwortung beginnt mit einer Frage
In Fällen wie jenem der verletzen Mutter genügt medizinische Intuition allein nicht. Es braucht klare Strukturen, um das Risiko der Kindeswohlgefährdung frühzeitig und systematisch zu erkennen.
Genau hier setzt das «Screening von Patienten auf Erwachsenennotfallstationen betreffend Kindsmisshandlung» (SPEK) an. Die Idee ist einfach, aber wirkungsvoll: Notfallstationen für Erwachsene sollen nicht nur die Patient:innen, sondern auch ihren familiären Hintergrund beachten.
Das Konzept basiert auf einem Fall aus den Niederlanden. Dort beobachtete eine Pflegefachkraft, wie ein Kind sich weigerte, mit seiner alkoholisierten Mutter nach Hause zu gehen. Mit schlechtem Gefühl wurde die Mutter mit dem Kind entlassen. Aus dieser Erfahrung entstand das «Hague Protocol», eine Methode, mit der das medizinische Personal Anzeichen für eine Gefährdung des Kindeswohls erkennt und meldet(3). Das Konzept wurde für das SPEK-Programm übernommen, das im Jahre 2018 mit einer Pilotphase im Kanton Zürich gestartet wurde. Es beinhaltet folgende Prinzipien:
- Screening von erwachsenen Patient:innen: Das Personal von Notaufnahmen wird geschult, Patient:innen, die wegen häuslicher Gewalt, Drogen- und Alkoholmissbrauch, schweren psychischen Ausnahmezuständen oder nach einem Suizidversuch behandelt werden, zu screenen.
- Zielgerichtete Nachfrage: Falls eine erwachsene Person mit diesen Merkmalen in die Notaufnahme kommt, wird aktiv nachgefragt, ob sie minderjährige Kinder habe.
- Frühzeitige Abklärung: Wird die Frage bejaht, hat eine Meldung an die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) zu erfolgen – nicht als Bestrafung, sondern um Hilfe für die Familie zu organisieren.
Im Kanton Zürich wird das Verfahren bereits in fast allen Spitälern angewendet. Dabei geht es nicht nur um die Meldung, sondern auch um die Sensibilisierung des Spitalpersonals und das Aufzeigen von konkreten Hilfsangeboten für betroffene Familien.
2021 wurden 29 Fälle an die KESB gemeldet, 2022 36, 2023 45 und 2024 38. Diese Zahlen entsprechen in etwa den Fällen in Holland verglichen mit der Gesamtzahl der Patienten auf Erwachsenennotfallstationen insgesamt.
Programme wie SPEK helfen dem Notfallteam, über die akute Versorgung hinauszublicken – denn Verantwortung beginnt nicht erst bei der KESB, sondern mit einer Frage. Manchmal auch mit einem unguten Gefühl. Damit es nicht nur bei der Wahrnehmung bleibt, kann Frau Dr. Weber eine Meldung an die KESB machen. Die Patientin, die mit Hämatomen in die Notfallstation kam, kann so nicht nur medizinisch, sondern auch sozial unterstützt werden. Die Behörde prüft, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und welche Hilfe nötig ist – etwa eine sozialpädagogische Familienbegleitung, eine Beistandschaft oder in schweren Fällen eine ausserfamiliäre Platzierung. Mit der Meldung beginnt so ein Weg zum Schutz des Kindes und Unterstützung der Familie.
Referenzen
- Kinderschutz Schweiz. Häusliche Gewalt – eine Gefahr für das Kindeswohl. Bern: Stiftung Kinderschutz Schweiz; 2022. Verfügbar unter: https://www.kinderschutz.ch/themen/kindswohlgefaehrdung/haeusliche-gewalt
- Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Elterliche Partnerschaftsgewalt: Betroffene Kinder besser schützen. Bern: EBG; Verfügbar unter: https://www.ebg.admin.ch/de/elterliche-partnerschaftsgewalt-betroffene-kinder-besser-schuetze
- A new protocol for screening adults presenting with their own medical problems at the emergency department to identify children at high risk for maltreatment. Hester M Diderich et al. Child Abuse Negl. Dec 2013
Weitere Informationen
Autor:innen
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Daniel WallimannPsychologe, Kinderschutzgruppe, Universitäts-Kinderspital, Zürich
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Dr. med. Georg StaubliChefarzt Notfallstation und Leiter Kindeschutzgruppe, Universitäts-Kinderspital, Zürich