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Pflegeexpertinnen APN in der Grundversorgung – warum nicht in der Pädiatrie?

Seit einigen Jahren arbeiten immer mehr Pflegeexpertinnen APN in Hausarztpraxen.

Ausgangslage – die Anderen machen das schon

Seit einigen Jahren arbeiten immer mehr Pflegeexpertinnen APN in Hausarztpraxen. Eine Pflegexpertin APN (Advanced Practice Nurse) ist eine Pflegefachperson, welche «sich Expertenwissen, Fähigkeiten zur Entscheidungsfindung bei komplexen Sachverhalten und klinische Kompetenzen für eine erweitere pflegerische Praxis angeeignet hat. Ein Masterabschluss in Pflege gilt als Voraussetzung». Wie in anderen Ländern seit Jahrzehnten etabliert, lässt sich das notwendige Studium auch in der Schweiz absolvieren. An sechs Orten – Basel, Zürich, Lausanne, Bern, St. Gallen und Winterthur – ist dies der Fall. Den Weg in die Praxen finden die Abgängerinnen einerseits, weil innovative Hausärzte den möglichen Tätigkeitsbereich der Pflegenden erkennen. Anderseits führt der Hausärztemangel zu einem politischen Druck, in Pilotprojekten ihren Einsatz zu starten. Dabei geht es vor allem um die Versorgung multimorbider und psychosozial komplexer Patienten in der Praxis und auf Hausbesuchen. Die Pflegenden bringen Kompetenzen mit, um die ärztliche Tätigkeit zu ergänzen und die Hausärzte teilweise zu entlasten. Sie kümmern sich also um relevante und anspruchsvolle Aufgabenbereiche. Sie arbeiten recht selbständig, die Hausärzte sind aber bei Rückfragen und Unsicherheiten verfügbar. Die Abrechnung erfolgt häufig via Hausarzt.

Auch in der Praxispädiatrie vieler Länder sind Pflegeexpertinnen APN tätig. Die folgenden Bereiche sind breit bekannt:

  • Mütter-/Väter-Beratung
  • Vorsorgeuntersuchungen
  • Gesundheitsförderung
  • Diagnose und Behandlung häufiger Probleme
  • Koordination für Kinder und Jugendliche mit komplexen, chronischen Erkrankungen oder Behinderungen

In verschiedenen Ländern und individuellen Bundesstaaten finden sich unterschiedliche Zusammenstellungen der Bereiche. Bestimmt werden diese primär durch den lokalen Bedarf, durch staatliche Regulierungen, und in Abgrenzung zu weiteren Berufsgruppen, die in der pädiatrischen Grundversorgung tätig sind.

Die Situation in der schweizerischen Praxispädiatrie – eine Versorgungslücke?

In der Schweiz arbeiten in der pädiatrischen Grundversorgerpraxis Kinderärzte, welche durch die sehr geschätzten Medizinischen Praxisassistentinnen und Praxiskoordinatorinnen unterstützt werden. Desweitern sind eine Vielzahl weiterer Professionen wie Psychologen, Sozialarbeiter und Mütter-/Väter-Berater sowohl inner- als ausserhalb der Praxis tätig. Für Pflegexpertinnen APN gibt es hingegen noch kein etabliertes Einsatzkonzept.

Möglicherweise liesse sich diese Liste sinnvoll mit Pflegeexpertinnen APN ergänzen. Denn sie haben die Möglichkeit, mittels «Clinical reasoning» ergänzend und entlastend den Kinderärzten zur Seite zu stehen. Dies bedeutet, dass sie – bisher in anderen Ländern – komplexe Situationen mittels pflegerisch-sozial-medizinischem Denken lösen können. Insbesondere sind Pflegeexpertinnen APN auch ausserhalb der Praxis tätig. Sie sind sehr gut geeignete Fachpersonen, sich um die Früherkennung an der Schnittstelle psychosozial-medizinischer Schwierigkeiten in der Familie zu kümmern. Ebenfalls zählen Vorsorgeuntersuchungen ebenso wie die Diagnose und Behandlung häufiger Probleme zu ihren Stärken.

Stellen diese Aspekte eine Versorgungslücke in der schweizerischen Praxispädiatrie dar? Wissenschaftlich wurde (bisher) nicht versucht dies nachzuweisen. In persönlichen Gesprächen mit vielen Kinderärzten ist aber klar geworden, dass sie ihre Arbeit kritisch betrachten. Sie sagen, die erwähnten Versorgungsbereiche lägen entweder brach oder würden gerne aufgegeben um sich wieder vermehrt und «spezialisierter» um «kranke» Kinder kümmern zu können. Dies wäre nur möglich mit starken Partnerinnen wie den Pflegexpertinnen APN. In den Gesprächen wurde aber auch klar, dass die meisten Kinderärzte noch nicht Bescheid wissen über das Potential dieser Profession.

Konzeptionelle Anregung – ein Weg

Bisher gibt es in der Schweiz keinen pädiatrischen Schwerpunkt in der Ausbildung zur Pflegeexpertin APN. Es gälte, in einem bestehenden Studiengangsystem neue Inhalte einzubringen, die einem pädiatrischen Profil entsprechen. Die Tätigkeitsbereiche der APN im Sinne eines Scope-of-Practice müssten bestimmt werden und als Leitlinie der praktischen Tätigkeit dienen. Ein denkbarer Weg: Ausarbeiten eines Ausbildungskonzepts gemeinsam durch eine Hochschule mit APN-Studiengang und einen Kurs in Systemischer Entwicklungspädiatrie. Die theoretischen Inhalte und Skills Lab könnten an der Hochschule und im Kurs angesiedelt werden; die praktischen Inhalte und ein begleitendes, intensives Mentorat, geleitet durch einen erfahrenen Kinderarzt, würden in der Praxis stattfinden.

Hierbei ist wichtig, generelle klinische Skills neben spezialisierten Fähigkeiten zu entwickeln, um einen «generalistischen» Masterabschluss an der Hochschule weiterhin zu ermöglichen und nicht für hochspezialisierte Spital-Settings vorzubereiten. Da die Studienzeit bereits knapp bemessen ist, müssen die entsprechenden Inhalte effizient vermittelt werden. Zusätzlich können Kompetenzen, Wissen und Strukturen eines Partners aus der Systemischen Entwicklungspädiatrie miteinfliessen. Dies bedingt eine gegenseitige Offenheit für Kollaboration und eine Beanspruchung von Lehrpersonen und Institutionen.

Ich erwarte, dass diese Anregung kontrovers beurteilt wird, insbesondere durch Berufsgruppen, die bereits in der pädiatrischen Grundversorgung, in- und ausserhalb der Arztpraxis, tätig sind. Gerne beteilige ich mich an einer kontroversen Diskussion.

Empfehlenswerte Literatur

Über den Autor

Medizinstudium an der Universität Basel 2004-2010. Dissertation im Rahmen des MD-PhD-Programms des Schweizerischen Nationalfonds in Versorgungsforschung und Epidemiologie 2011-2014; Forschungsprojekte aus der pädiatrischen Vorsorge und Onkologie in der Schweiz und Mongolei, durchgeführt am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Seit 2014 Leiter Forschung am Institut für Hausarztmedizin und Community Care in Luzern; Forschungsprojekte zum interprofessionellen Zusammenarbeiten innerhalb der Grundversorgerpraxis, und zwischen Grundversorgern und Spezialisten.

Der Inhalt dieses Artikels widerspiegelt die Auffassung des Autors und deckt sich nicht zwingend mit der Meinung der Redaktion oder der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie.

Weitere Informationen

Korrespondenz:
Autoren/Autorinnen
Dr. med. Dr. phil. Stefan Essig, Institut für Hausarztmedizin / Community Care, Luzern